Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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Besprechungen und Anzeigen, mm:3 leute von St. Laureat zu der klaren Erkenntniss gekommen waren, dass nach der damals allgemeinen deutschen Rechtsanschauung auch der Jude das Recht, und die Pflicht habe, nach den gültigen Rechtsvorschriften seines Stammes Recht zu suchen und zu empfangen1). Das für die heutige jüdische Geschichtsforschung erfreulichste Ergebniss dieser eigenartigen Kölner Entwickelung ist ohne Frage die Thatsaclie, dass dadurch eine stattliche Anzahl hebräischer Original- Urkunden der Nachwelt gerettet worden ist. Ihr Wortlaut, dessen erste Veröffentlichung bis auf einen geringfügigen Rest wir dem Lehrer Carl Briseh in Mühlheim a. Rh.2) zu verdanken haben, ist der vorliegenden Ausgabe des Judenschreinsbuches von neuem hinzugefügt worden. Die Revision des Textes sowie die deutsche Uebersetzung und Erläuterung desselben ist das Werk des Herrn Moritz Stern. Leider ist der Herausgeber damals der überaus schwierigen Aufgabe noch nicht 1) Unter solchen Umständen ist es Schado um die erstaunliche Gelehrsamkeit, die Herr Höniger in seiner umfangreichen Abhandlung ״zur Geschichte der Juden in Deutschland im früheren Mittelalter״!in L. Geigers Zeitschrift I, 6ß—97) auf den Nachweis verwendet hat, dass in der Geschichte der Juden in Deutschland sich nach dor Seite der Reclitseinhelt mit, ihren Christliehen Mitbürgern hin ein Assimilirungsprocess bemerkbar mache, der durch die Kreuzzilge an seiner endgültigen Entwickelung gehindert worden sei. Einer Zeit, in welcher ein durch Sanftmuth und Milde ausgezeichneter Mann wie Rabbenu Gerschom ans gequälter Brust d°n Schmcrzensschrei zum Himmel emporsteigen Hess:,* ״ * רחמיך וחסדיך ברבוח עתים, יה זכור למוכים ונמרטים ועליך כל היום נשחטים ,דורש דמים דדן דיננו, השב שבעתים אל חיק מענינו (in der allbekannten Selicha זכור ברית אברהם, nach welcher der Rüsttag zum Neujahrsfest im jüdischen Leben den Namen hat), einem Geschlecht«, in welchem R. Simeon der Grosse von Mainz!in einem in fast all« Gebetbücher für den täglichen Gebrauch aufgenummenen Sabbatliede) dichtete: נסגרתי לאדום ביד רעי מדני, שבכל יום ממלאים כרשם מעדני kann einen nach irgend einer Richtung hin sich geltend machenden A88imilirungsp10ces8 nur ein solcher Geschichtsforscher zuzuschreiben wagen, der in dem verhängnissvollen Irrthum befangen ist, dass die lateinischen Pergamente, die in der Regel nnr von den äusseren Beziehungen der Juden zu ihren Mitbürgern zu reden wissen, die einzigen bpachtenswerthpn Zeugnisse seien, aus denen wir uns ein lebendiges Bild der Vergangenheit zu vergegenwärtigen haben. In Wahrheit aber muss ein so gewonnenes Bild an seiner Einseitigkeit zu Grunde gehen. Des jüdischen Lebens Kern und Wesen lässt sich vollständig nur erkennen aus einer gleichmäs eigen, liebevollen Vertiefung in die Lehmsäusserungen, die wir den zeitgenössischen Juden selber zu verdanken haben. Wer, wie sich’s für einen Historiker geziemt, unbefangen und unvoreingenommen einzig um der Erforschung der geschichtlichen Wahrheit willen der jüdischen Geschichte Dienste leisten will, darf sich der Pflicht nicht entziehen, mit eigenem sachverständigem Ohr auf die Stimmen zu lauschen, die in freilich fremd klingenden Lauten aus den vergangenen Jahrhunderten zu uns herübertönen. Wer dagegen zu so umfangreichen Vorstudien nicht Zeit und Lust hat, der lasse lieber die Hand von der thätigen Mitarbeit am Aufbau der jüdischen Geschichte. Denn er kommt nothwendiger Weise in die Gefahr, Btatt aufklärend verwirrend zu wirken, wie es Ja j=detn von vornherein einleuchten . wird, dass eLn der mittelalterlichen Latinität unkundiger Gelehrter selbst bei ganz ausserordentlicher geistiger Bpgabung und bei ganz besonderer Veranlagung für geschichtliche Untersuchungen kaum je etwas irgend Nennenswertes auf demGebiete der mittelalterlichen Geschichtsschreibung zu leisten im Stande sein wird. Es bleibt demnach auch Horm Höniger's Annahme einer bis zu einem gewissen Grade gediehenen Assimilirung der Juden mit den Christen vor d*n Kreuzzügen ein haltlos in der Luft schwebendes Phantom, das vor der richtigen Erkenntniss dos inneren Lebens der deutschen Juden Jener Tage in Nichts zerfliessen muss. Auch manche Einzelheiten des sonst 6ehr lehrreichen Aufsatzes erweisen sich bei näherer Betrachtung ai9 nicht stichhaltig. Aus Laur. 3 16 kann z. B. keineswegs ein ״urkundlicher Beweis für eine Mischehe“ beigebracht weiden (S. 76). Denn aus der Fassung: ״uxor ejus Sophia, filia Vivi judei“ folgt nicht ohne weiteres, dass Sophia eine. Jüdin geblieben sein müsse.!Der Inhalt der Notiz scheint vielmehr gerade dafür zu sprechen, dass sie vom JucLeuthum abgefallen ist. Wäre sie nämlich eine Jüdin geblieben, so hätte sie, da nach jüdischem Recht Töchter bekanntlich in der Regel Erbansprüche nicht haben, auf ein Erbrecht, das sie nicht besage, gar nicht verzichten können. Ebenso wenig kann ich den Satz gelten lassen: ״Wo an einem Ort und zu derselben Zeit eine gtössere Anzahl von, 8ei es auch getauften Juden, in Rang und Würden stehen, kann von einer gedrückten und verachteten Stellung der Juden überhaupt nicht wohl der Rede sein“ (S. 73). Mich will vielmehr bedünken, dass aus ä«r Thatsache, dass irgendwo etliche abtrünnige Juden gleichzeitig hohe Aemter und Ehrenstellen inne haben, eben nur so viel und'nichts weiter gefolgert werden kann, als dass die an demselben Orte gleichzeitig lebenden, treu gebliebenen Juden von solchen Aemtom und Ehrenstellen gerade nun ihres Glaubens willen grundsätzlich ausgeschlossen worden sind. 2) Im 2. Bande seiner ״Geschichte der Juden in Köln und seiner Umgebung aus ältester Zelt bis auf die Gegenwart.“ Anh. S. 1—24.