Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Salomon Ludwig Steinheim
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829430-2829432-2843975--14537-2843999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Salomon Ludwig Stemheim. diese Annahme entweder die Offenbarung zu einer ausschließlichen Vernunfterkenntniß niacht oder die Propheten in eine Klasse mit Hellsehern, Spiritisten, schwärmenden Schwindlern und schwindelnden Schwärmern weist. Wiederum ist ihm eine Offenbarung für's Auge zu sinnlich; so läßt er die Offenbarung durchdas Ohr dem Volke vermittelt werden, zumal eine Erscheinung, die nicht zum Ohre sich wandte, den Zweck der Offenbarung, die Belehrung, verfehlt hatte; die Rede war ja das Hauptsächliche. Ist nun diese Meinung schristwidrig? Nicht nur ״der rationalisirende Deuteronomiker" sagt, daß auf dem Sinai sich Gott durch das Wort offenbart habe, auch sonst heißt es in der Schrift, es könne Keiner Gott sehen, so lange er lebt. Nach Geiger ״will Offenbarung nach wörtlichem und geschichtlich festgestelltem Sinne besagen, Gott habe sich offenbart, sei dem Menschen wahrnehmbar geworden." Indeß nach der Ansicht der Meisten, die eben nicht so rigoros sind wie Geiger, läugnet einer noch nicht die Offenbarung, wenn er sie auffaßt wie der ״rationalisirende Deuteronomiker." Steinheim legt gegenüber der indischen und christlichen Religion, welche die Manifestation der Gottheit im Fleische lehren, Gewicht auf die rein geistige Natur derselben , welche nur durch das Ohr dem Menschen sich offenbaren könne, was allerding s gar nicht so widervernünftig und absurd klingt, wie wir es nach der Schilderung Geigers von einem Manne wie St. vermuthen sollten. Nein, Steinheim, ist kein ״judaisireuder Christ", sondern ein treuer Sohn seines Volkes, er ist ebensowenig exkliffiv in seinem Charakter wie in fernem Denken. Lauge Entwöhnung entfremdete ihn den religiösen Formen seines Stammes; aber sein Herz und sein Geist blieben bei den damals noch verstoßenen Brüdern. Beklagenswerth ist es, daß sein reicher Geist, der heimisch war auf mannigfachen Gebieten des Wissens, der zumal Philosophie und Naturwissenschaft genau kannte, mit den Schätzen der jüdischeu Literatur weniger vertraut geiveseu ist. Diese Unkenntniß jedoch mindert nur seinen Werth, aber vernichtet ihn nicht.