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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1872-01-01 · Heft 1 · p. Seite 36

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
21 (1872)
Issue
Heft 1
Article
Herder's Bibelexegese
Date
1872-01-01
Page
Seite 36 (sequence 21)
Language
German
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36 Herder's Bibelexegese. Zeit, die aber wol für eine so tiefe Auffassung philosophisch-ethischer Fragen noch nicht reif niar; dagegen betöret er mit vieler Energie die Zusainnrengehörigkeit der Einleitung mit den Reden. Voll Bewunderung ist er für Mose urrd seine Gesetzgebung; dessen Lehre bietet die reinste Gottesanschauung für den Geist und die trefflichste Verfassung für das politische und praktische Leben; es war eine Demokratie ohne einen andern König als Gott inr Himmel, voll humaner Satzungen. ״Gewerbsamkeit und Fleiß sollte der Nerv des Staates sein, Ruhe und Familienehre sollte der süße Lohn der Weisheit und des Fleißes werden". Die Psalmen hat er zum größten Theil in die davidische Zeit gesetzt, ohne diese These wissenschaftlich begründen zu können: aber er forderte dennoch die Interpretation, indem er die bestimmte Anforderung stellt, man müsse jeden Psalm nicht als ein allgeniein religiöses Lied, sondern als ein, durch eine ganz bestimmte Situation hervorgerufenes Gedicht ansehen. Was Göths sagt, daß die guten Gedichte Gelegenheitsgedichte sein müßten, weil nur konkrete Fakta dem Dichter den rechten Schwung verleihen, das betont Herder auch für die Erklärung der Psalmen; imaginäre Freuden und Leiden können weder eine solche Begeisterung, noch ein solches Wehgefühl erzeugen, wie uns aus den Psalmen entgegenjubelt' oder entgegenseufzt. Wie der Werth des lyrischen Gedichtes darin besteht, einen konkreten Fall zur Allgemeinheit zu idealisiren, so haben auch die Psalmendichter ihr Leid oder ihre Freude vergeistigt und zur Allgemeinheit erhoben; wollen wir sie also recht verstehen, so müffen wir uns möglichst mühen, die Situationen aufzufinden, aus denen die Dichtungen hervorgegangen sind. Er hat hiermit auf einen Punkt hingewiesen, der seitdem von der Bibelkritik nicht aus dem Auge gelassen worden ist. In den letzten Jahrzehnden seines Lebens hat Herder für das alte Testament nichts Wesentliches mehr geleistet; er wandte sich, soweit er sich überhaupt mit theologischen Studien beschäftigte, dem neuen Testament zu; aber auf diesem Gebiete wuchsen ihm nicht die Lorberen, die er besonders durch die Schrift ״vom Geist der hebräischen Poesie" beim alten Testament errungen hatte. Man hat Herder einen Dilettanten in der Bibel-

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