Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 19)
- Language
- German
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Herder's Bibelexegese. 34 Messias" u. s. w. Solche und unzählige ähilliche Deutungen sindet Herder fein; sie seien moralische, oder poetische, oder philosophische Anwendungen; aber auch wo sie am schönsten und sinnreichsten anffallen, seien sie Anwendung, Poem, Figment, Eigenthum ihres Erfinders, man sehe leicht, daß in einer so zarten Sprache des Herzens, bei den so abwechselnden Gestalten und Scenen aller Menschenschöne, Liebe und Freude, Raum für die Empsindüngen einer ganzen Welt ist. Aber ewig bleibe es gewiß: das ist Anwendung, nicht Wortsinn: denn lasse er sich durch einen feinen Rabbi verführen, der ihn von dem ersten nothdringenden Wortverstände weglocket, so stehe er gleich einem groben blos/ der, ein lutherischer orthodoxer Theolog, die Füchse des hohen Liedes auf die Ketzer, die Christi Weinberg verderben, und die kleinen Füchse ans die heimlichen Ketzer deutet, der das Wort ״deine Zähne sind weiß" auf die disputatorvs bens dentatos, auf die orthodoxen Theologen, welche den Gegner vortrefflich beißen könnten, anwendet, der in dem Bilde ״deine Lippen zwei Purpurfüden," das 8^mbolum Nicaenum und Atlianasiamim, und in dem andern, dein Nabel wie ein runder Becher, den wiederhergestellten Kelch im Abendmahl findet, n. dgl. m. Man sieht aus diesen Sätzen, daß Herder das Kind nicht mit dem Bade ansschüttete, und den Wortsinn rettete, ohne die poetischen Allegorien aufzugeben; nur gegen den groben Unfug, den die prosaischen, dürren Orthodoxen der lutherischen Kirche mit diesem Liede trieben, war er dispotator bonv dentatos, wie nicht minder gegen die andern, die aus übertriebener Prüderie das Buch ans dem Kanon hinauswerfen wollten. Diesen letztern hat er freilich, wie wir schon nachgewiesen, die Waffen nicht entwunden. — Immer mehr hatte sich Herder durch diese Arbeiten in den Geist der hebräischen Poesie hineingelebt, und obgleich an gründlicher, orientalischer Gelehrsamkeit ihn viele tibertreffen mochten, von diesem Geiste zu zeugen, war keiner so sehr geeignet und gerüstet. Er that dies in dem Buche ״vom Geiste der hebräischen Poesie", einem Werke, in dein seine frühern Arbeiten gleichsam als Vorstudien beschlossen sind. Herder hat dieses Werk nicht in der ursprünglichen großen Anlage, nach welcher es eine Geschichte des jüdischen Geistes von seinen ersten Spuren bis zur Entstehung des Christenthnms Hütte sein sollen, zu Ende geführt. Es mußte