Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 17)
- Language
- German
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32 Herder» Mbelexcgese. diesem Werke nicht übel gelungen; wonach eig entlich jeder Erklarer streben soll, seinen Interpretationen etwas vom Geiste des Grundtextes einzuhanchen, danach hat Herder mit vielem Erfolg bei seiner Erklärung de» hohen Liedes gerung en : die milde Gluth, der zarte Schmelz, der naive Reiz der Liebe, welcher so wundervoll da» hohe Lied schmückt, ist auch eine Zier jener herrlichen Exklamationen, mit denen Herder die Wirkungen dieser orientalischeu Poesie seiner Zeit zu vermitteln sucht. Dennoch kann er der Dichtung, da er ihre Tendenz verkennt, nicht gerecht werden. Ihm ist da» hohe Lied eine Sammlnng von Liebesliedern. Gegenüber einer solchen Anthologie entsteht mit Recht die Frage: wie kommt sie in den Kanon. Da kann sich denn Herder trotz vieler entgegenstehenden Instanzen nicht anders helfen, als daß er dem Salomo die Urheberschaft zuschreibt, erchetrachtet dies wie so manches andere Buch der Bibel, gewisserinaßen nur als ein Dokument für die Geschichte der biblischen Persönlichkeiten: zur Vervollständigung der Charakteristik Salomo's sei es nothwendig gewesen, und nur weil es wegen seines Umfangs, den Nahmen, welchec sich die Königsgeschichte gesteckt hat, zu sehr auseinandergeschoben hätte, stehe es unter den Hagiographen, während sein eigentlicher Platz in der Geschichte Salomo's gewesen wäre. Wie gezwungen ist das Alles, und nur wie viel würdiger begegnet die rnoderne Kritik diesern Liede. Wol wird eine treffliche Statue, auch wenn sie zerschlagen ist, in ihren einzelnen Bruchstücken den Kenner entzücken, aber unfraglich ist der höchste Kunstgenuß, den sie bereiten konnte, damals verloren gegangen, als sie in Stücke ging. Und das thut Herder mit dem hohen Lied, er zerschlägt es in Stücke, um uns desto deirtlicher zu zeigen, wie trefflich die Theile sind, er zeigt einzelne Schönheiten, und bringt uns um den Eindruck des Totalen, er zerreißt deir Strauß, damit wir jede Blume uns genauer ansehen können. Natürlich entgeht ihm bei dieser Arbeit, die am Detail haftet, die Tendenz des Autors; er sieht nur Liebesbilder, nur erotische Rede - Blumen, und vergißt des einenden Bandes, welches diese Blumen zu einem Strauße verknüpft; es ist die reine, keusche Liebe, welche der Säuger des hohen Liedes i!n Gegensatz zur gewöhnlichen orientalischen Liebe feiert, während Herder nur den Orient üt seiner Unschuld und in seiner Nacktheit