Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 9)
- Language
- German
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24 Herder's Vibelexegese. Grundbuch der Poesie wahrend sie ihm, als einem Theologen, ein Grundbuch der Religion hätte sein sollen. So kam es, daß er gegen die rationalistischen Exegeten wüthete, obgleich er, wenn man seine spätere deistische Richtung in Betracht zieht, dabei in sein eigenes Fleisch und Blut schnitt. Und darin haben ja wol die Litterarhistoriker, die ihn zu den Freigeistern zählen, nicht ganz Unrecht, daß Herder mit dein Wunderglauben und ähnlichen Dingen guc Zeit seines Aufenthalts in Bückeburg zwar liebäugelte, daß er aber sich schwerlich auch damals dazu entschlossen hätte, die christliche Dogniatik mit Haut und Haaren zu verschlingen. Es war auch nicht die Eitelkeit, die manchen Geistesaristokraten und tiefen Denker zmveilen befällt, etwas Besseres, guminbeft etwas Anderes zu sein, als die große Masse, die ihm bei seinen zornigen Ausfällen gegen die Nationalisten die Feder führte; sondern nur der Mangel an Verstäudniß für die Schönheit der Bibel, welchen er in diesem Lager antraf. Und gerade hierin liegt auch eine wissenschaftliche Schwäche, denn ihm wie seinem Lehrer Hamanu war das alte Testament nur ein Stück Orient; die Eigenart des jüdischen Geistes trat nicht in voller Klarheit heraus, und das ist ja kaum zu verwundern, da die Bibel ihm zumeist nur als dichterisches Produkt in Betracht kan!. Hier sind die Analogien mit den andern orientalischeir Litteraturen höchst mannigfach; erst einer religiös historischen Auffassung konnten die unterscheidenden Merkmale sichtbar werden, welche die Schriftwerke in ihrer Einzigkeit heraushebt und begreift. Aber diese Schwäche that der Wirkung auf die Zeit keinen Eintrag. Die Dichtung war damals das eigentliche Lebenselement der deutschen Nation. Was im fünfzehnten Jahrhundert die wieder zum Leben erweckte Litteratur der Alten, was im sechszehnten die Theologie, was im siebzehnten die strengen Wissenschaften, was heut zu Tage die Politik für die Gebildeten bedeutet, das war im achtzehnten Jahrhundert die Dichtung. Eine frappante Erscheinung auf diesem Gebiete war ein Ereigniß, welches weit lebhafter die Gemüther beschäftigte, als große Staatsaktionen. Und so konnte der Bibel gar nichts förderlicher sein, als wenn ein Mann von der Empfänglichkeit, von dem für alles Schöne aufgeschlossenen Sinne Herder's auf das Lichtgewand ihrer Poesie aufmerksam machte. Er gehört nicht zur Zunft der Bibel-