Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 8)
- Language
- German
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Herder's Bibelexegese. 23 des Grimnres wegen des Mißbrauchs, den die Aufklärung von ihrer Herrschaft getrieben, als die einzige Ursache der herben Sprache annehmen, welche Herder in seinen ersten theologischen Arbeiten gegen die Seniler, Ernesti, Michaelis, Spalding führt, das geht nicht an, weil diese Opposition sowohl zu heftig, als auch von zu langer Dauer war, um nicht als Allsdruck der innersten Gesinnung gelten zil können. Man stellt sich wol für einen Moment aus Mitgefühl auf den Standpunkt eines Andern, aber man bleibt nicht Jahrelang auf demselben stehen. Woher stammen nun diese Schwankungen, welche die ganze Skala von der Lavater'scheil Gläubigkeit bis zur reinen, niit dem positiven Glauben nur noch durch kaum sichtbare Fäden verbundenen Humanitätslehre durchlaufen haben? Herder's Vorliebe für die Bibel, sein Bekenntniß, daß er um ihretwillen — und wenn er von der Bibel spricht, so meint er zltvörderst das alte Testament — Theologe geworden sei, giebt darauf Antwort. In die erste Periode fallen zumeist seine Arbeiten über das alte Testainent; die reifste, wenn auch nicht völlig reife Frucht dieser Studien ״vom Geiste der hebräischen Poesie," fällt in die erste Zeit seines Aufenthaltes zu Weimar; die letzten zwanzig Jahre seines Lebens waren für dieses Feld seiner schriftstellerischen Wirksamkeit unfruchtbar. Ganz in gleicher absteigender Linie mindert sich die Wärme seines religiösen Gefühls, das stets mehr ein biblisches, denn ein specifisch christliches gewesen ist. Dieses Gefühl war so wenig specifisch christlich, daß es im Alter, obgleich fast alle feine Schriften, die sich mit dem Christenthnm beschäftigen, aus der Weimaranischen Epoche stammen, immer mehr abnahm. Aber dieses Wohlgefallen an der Schrift war selbst mehr ein ästhetisches. Herder's Ingrimm wendet sich in Wahrheit mehr gegen die Verächter orientalisch-jüdischer Poesie, als gegen die Verkennung der aus der Schrift resultirenden religiösen Grundsätze. Wenn er Lavater die Hand reicht, so geschieht dies weit eher, weil dessen Feinde auch die seinen waren, als aus der Gemeinschaft gleicher Freunde. Die poetische und die religiöse Schwärmerei schlossen ein kurzlebiges Bündniß, weil sie von völlig verschiedenen Ausgangspunkten in dem Gegenstand ihrer Bewunderung zusammentrafen. Hierin liegt die Schwäche seines religiösen Standpunktes und theilweise auch seines wissenschaftlichen. Ihm war die Bibel ein