Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 7)
- Language
- German
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22 Herder's Bibelexegese. verstehen, mußt in Dichters Lande gehen," ist eine goldene Regel, zumal für das Verständniß des Orients. Herders unsterbliches Verdienst ist es, daß er auf die Poesie der Bibel hingewiesen, daß er leidenschaftlich, in fast orientalischer lleberschwänglichkeit die orientalische Weisheit gepriesen hat. ״Der Bibel zu Liebe bin ich Theologe geworden, und die ganze Theologie ist Bibelkunde". Dieses Wort variirt er in den mannigfachsten Wendungen in seinen Werken und seinen Briefen/ und wenn wir es recht verstehen, bietet es den Schlüssel zu dem schwer zu erschließenden Charakter Herder's, der vielen Kritikern darum ganz verschlossen geblieben ist. Herder's Theologie hat lebhafte Angriffe erfahren; Schwankungen sind ihm vorgeworfen worden und eine unleugbare Thatsache ist es, daß er in seiner Jugend Semler einen Narren gescholten, weil dieser ohne vorherige Prüfung die apostolischen Wunder, welche im Kreise Lavater's vorgekommen sein sollten, als Possen und Alfanzereien von sich gewiesen, während er in seinen ״Ideen" den Namen Gottes׳absichtlich vermeidet. Zwar ist erst neuerdings wiederum in einer geistvollen Studie über Herder als Theologen, welche überhaupt jede Falte im Wesen dieses Mannes zu glätten sich müht, von August Werner der,Versuch gemacht worden, diese Scheu vor der Erwähnung Gottes als Angst vor Blasphemie zu erklären, gerade weil Gott nach der Herder'schen Geschichtsauffassung so oft in das Getriebe menschlichen Thuns eingreife, habe es der Verfasser der Ideen vorgezogen, stets nur umschreibend seiner zu erwähnen. Aber diese Erklärung geräth in die Brüche, wenn wir uns daran erinnern, daß um dieselbe Zeit auch die von spinozistischem Geiste durchhauchten Aufsätze über Gott entstanden sind, daß seine Auffassung des Christenthums je älter er wurde, immer freier und nahezu aller dogmatischen Bestandtheile baar geworden ist. Der lebendige Glaube war in Herder allgemach schwächer geworden, und wenn er ihn nicht ganz aufgab, so trug die geistliche Würde ein gut Theil dazu bei. In der Jugend mag allerdings das Mitgefühl für den Schwachen, welches so oft edle Naturen im Gegensatz zur eigenen Ueberzeugung zur Opposition gegen die herrschende Tagesmeinung treibt, weil diese allzu tyrannisch und roh das Scepter schwingt, Herder zu einem schcirfern Ton gegen die Aufklärung gereizt haben, als seiner Gesinnung entsprach. Aber dieses Ueberwallen