Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 6)
- Language
- German
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Herders Bibelexegese. 21 Ausdruck ihrer Gedanken noch nicht genug that, daß sie, um ihre wuchtigen Gedanken erschöpfend und klar darzustellen, dieselben wiederholen mußte; dort eine Poesie, die das Einfachste durch den Reiz und die Anmuth der Form in das Reich des Schönen erhob. Es existirte, bevor Kant die Rubrik des Erhabenen an das alte System der Aesthetik anreihte, trotz Klopstock's Messiade, gar kein Fach in der aus der hellenischen Dichtung abstrahirten Schönheitslehre, in welchem die grandiosen, gluthvollen, Himmelstrebenden Reden Hiob's und der Propheten unterzubringen gewesen wären. Warum diese so eindrucksvoll ans das Gemüth wirkten, davon konnte man sich ebensowenig Rechenschaft geben, wie vom Zauber der Alpen, von der hinreißenden Macht eines Shakspeare. Das Erhabene in der Natur wie in der Kunst wurde nicht begriffen, und da zu ästhetischem Genuß Erziehung mindestens so viel thut, als ursprüngliche Anlage, so wirkte auch das Erhabene viel schwächer. Und wiederum das Einfache und Naive in der Schrift wurde gleichfalls nicht gewürdigt in einer Zeit, die das vom Alterthum Erlernte übertreibend, nur das Gekünstelte für Kunst nahm. Das Naive und das Erhabene, so schroffe Gegensätze, sie begegnen sich vielfach in der Bibel, und das ist ganz natürlich. Denn wer sein Denken und Fühlen in voller Wahrheit ausdrückt, der wird da, wo er Einfaches darstellt, ohne nach den Effekten der Kunst zu Haschen, schlicht und schmucklos reden, und ebenso wird er, wenn es in ihm wogt und brauset, unbekümmert um Gleichmaß und Regel, die Wogen seiner Rede so hoch steigen lassen, als seines Herzens Drang sie treibt. Er wird in dem einen Fall naiv, in dem andern erhaben sein, und so war es die jüdische Dichtung, in welcher das poetische Element ganz im Dienste des prophetischen stand, während der griechische Künstler, indem er das Geringe erhebt, und das Große herabstimmt, das Gleichmaß der Schönheit erzeugt. Bei solcher durchgreifenden Verschiedenheit konnte für die heilige Schrift auch selbst aus der ästhetischen Betrachtung kein Heil kommen, wenn man sie mit den Angen des Hellenen ansah. Herder war's, der von Hamann angeregt, da er mit zartfühliger Anempfindung sich in jeden Jdeenkceis rasch hineinleben konnte, besonders in die Bibel sich versenkte, um die Perlen ächter orientalischer Dichtung dem erstaunten Zeitalter zu zeigen. ״Willst den Dichter du