Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 5)
- Language
- German
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20 Herder's Bibelexegese. mtiffm einen outrirten Ausdruck gewinnen, nur wirkungsreich zu sein. Herder, so könnte inan sagen, hat die Bibelkritik nicht wesentlich gefördert; aber seine Verehrer nennen gerade das sein wesentlichstes Verdienst, daß er die Bibel den Kritikern entrissen hat, daß er sie von den Fesseln und Schrauben und Zangen erlöst hat, mit welchen man den schlichten einfachen Text gebunden hielt. Herder's Zeitgenossen wußten es ja kaum, daß die Bibel auch ein Poetisch-schönes Buch sei; den Orthodoxen war sie ein Arsenal, ans dem sie Waffen zur Vertheidigung der Dogmen holten, und waren diese Waffen auch etwas rostig und stumpf, so machte man's wie die Indianer: matt schwang sie recht heftig und mit vielem Geschrei, damit der Gegner ängstlich würde; und den Aufgeklärten galt sie im Grunde als ein geschickt zusammengesetztes Trugsystem, nur daß diese Ansicht in ntannigfacheu Abstufungen sich äußerte. Die Einen, z. B. Michaelis ehrten in Moses den klugen Staatsmann, der mit schlauer Berechuttttg die jüdische Nation zu ihren! Besten getäuscht hat, Voltaire sah in ihm den selbstsüchtigen Priester, der mit arger List zu seinent und seiner Kaste Besten das Volk irre führte. Einzelne Versuche, auch den poetischen Werth der heiligen Schrift in's rechte Licht zu setzen, waren allerdings schon vor Herder unternommen worden, aber man vergaß, daß eine so originale Litteratur nur aus sich selbst zu verstehen, so zu sagen, nur mit sich selbst vergleichbar sei, daß höchstens zu den Werken der spätern Epochen die Analogien mit fremdländlichen Litteraturen herbeizuziehen seien, daß aber für den wesentlichsten Theil der heiligen Schrift eben so sehr wie vom jüdischen Volke der Satz gilt: ״Sieh' es ist ein Stamnt, der liegt allein, und unter den Völkern wird er nicht gerechnet." Hellas und Rom gaben den Maaßstab, mit dem man einen Moses, einen Jesajas, mit dem man Hiob und die Psaluten maß. Dieser Blick, der Jahrtausende überflog, dieser Geist, der die Weltprobleme so tief erwog und so gewaltig gestaltete, dieses Herz, das im Fluge religiöser Begeisterung zum Hiinntel sich aufschwang und von ihm kündete, wie von feiner Heimath, wie konnte dies aus dem hellenischen Geist begriffen tverden, der kein höheres Ideal hatte, als die schöne Form? Hier eine Poesie, die so viel zu sagen hatte, daß sie, wie der Parallelismus zeigt, sich mit dem einmaligen allerdings stets knappen und straffen