Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 4)
- Language
- German
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Herder's Bkbelexegese, 19 Wunderkraft zu, so rasch und plötzlich zu bekehren. Auch daß nach jeden! Dialog immer ein Gedicht Platz findet, entspricht wenig unseren Begriffen von Wissenschaft. Es ist darin etwas Zopfiges und Verschnörkeltes, daß gerade bei dem kraftgenialen Herder, der überall Natürlichkeit predigt und so unendlich viel dafür gethan hat, die naive Poesie wieder in ihr Recht einzusetzen, uns besonders auffällt. Aber viele dieser Kraftgenie's glichen jenem Manne Chamisso's, der über seinen Zopf sich ärgert: jedoch wie er sich auch dreht und wendet, der Zopf der hängt ihm hinteil. Gerade weil die sentimentale Fluth ihnen bis an den Hals stieg, seufzten sie um Natürlichkeit; indeß diese Sehnsucht, so lebendig und innig sie auch war, hob sie nur wenig über die Fluth übertriebener Empsindelei und überspannten Enthusiasmus hinaus, welche über das ganze Zeitalter sich ergossen hatte. Daß der Teufel durch des Teufels Obersten ausgetrieben wird, ist eine Erscheinung, welche die Kulturgeschichte gar oft zu verzeichilen hat. Am wie viel höher steht hierin Herder's jüngerer Zeitgenosse, Eichhorn, der in seiner Einleitung in's alte Testament die ästthetischen und idealen Momente im innigsten Zusammenhang mit den streng kritischeu behandelt. Aber gerade der eben erwähnte große Bibelkritiker ruft uns ein memento zu, ivenn wir ob all' der erwähnten Mißstände nun etwa uils zu der Meinung bekennen wollten, Herder's Einfluß ans die Bibelexegese sei wegeil ״der Mischung voll Empfindung und Philophie," den er selbst an sich tadelt, wegen des Ueberflusses an Gedankenstrichen, Ausrnfungs- und Fragezeichen, und wegen des Mangels an Schärfe der Deduktion und Prüfling des Details, nur gering und uilbedeutend gewesen. Eichhorn gerade strömt tiber vor Bewunderung Herder's, seines Freundes, er will mit der weiteren Editivll seiner Einleitung warten, bis Herder seinen ״Geist der hebräischen Poesie" weiter geführt hat; er fürchtet, sein Buch möchte sehr mager werden, wenn er nicht durch die Ideen, die er jenem abborgell wollte, demselben noch einiges Interesse gäbe. Wir ersehell hieraus, daß wir einem Autor ans einen! srühern Jahrhuildert Uilrecht thun, wenn wir ihn darauf hin prüfen: ob wir noch aus ihnl etwas lernen können, ob uns sein Geschmack und seine Darstellung znsagt. Wie oft tragen ziln! Erfolg eines Schriftstellers seine Fehler fast noch mehr bei, als seine Vorzüge! ja diese Vorzüge sogar