Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Herder's Bibelexegese
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 3)
- Language
- German
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18 Herder's Bibelexegese. kritik angenommen hat, der mit der Schneide der Kritik sowohl das Werk, wie die in demselben ausgesprochenen Meinungen trennt. Ohne daß diese Untersuchungen vorangegangen sind, sind die Aussprüche selbst der bedeutendsten Menschen über die heilige Schrift nicht viel mehr als der allerdings beachtenswerthe Ausdruck der subjektiven Empfindung, als erhabene Rhapsodieen eines genialen Kopfes, aber die Wissenschaft, die nach allgemeiner Gültigkeit, nach Objektivität strebt, hat damit nicht allzuviel zu schaffen. Aus diesem Grunde erklärt es sich, daß Herder's biblische Arbeiten, obgleich dieser große Theologe wol keinen Gegenstand der Literatur mit solcher Liebe, mit solcher Inbrunst umfaßt und gepflegt hat, als das alte Testament, in der Geschichte der Bibelexegese nur geringe Spuren zurückgelassen haben, ja daß diese Werke jetzt nur wenig Leser finden. Herder, der so ganz nur populär sein wollte, ist eben deswegen heut fast unpopulär und einer der Klassiker, die vom Leben zurückgezogen, ein stilles und einsames Dasein in den Bibliotheken führen, wo sie ungestört von der vergangenen Herrlichkeit träuinen, während Lessing, der es denr Leser oft sauer werden läßt, auf dessen Schultern sich Herder schon stellen konnte, um in die Höhe zu ragen, trotz seines Citatenreichthums noch heute lebendig ist. Wie trefflich wußte Lessing das Kleid zu wählen, in welches er seinen Gegenstand hüllte. Auch er hat die dialogische Form nicht verschmäht; aber schwerlich hätte Lessing's kritischer Takt sie gelten lassen bei einem Werke wie vom Geist der hebräischen Poesie, wo sie nur dazu beiträgt, von den Sprüngen, mit welchen der Autor von einer Sache zur andern kömmt, den Blick abzulenken, die Lücken in der Beweisführung zu verdecken, kurz die Schwächen des Gedankenganges uns weniger enipfindlich zu machen. Alciphron und Eutyphron disputiren; Alciphron giebt gar bald klein nach und läßt Eutyphron, dem Bewunderer der jüdischen Poesie, gegenüber, seine Gründe fallen; der Autor hat es eben in der Hand, Alciphron so starrköpfig oder so nachgiebig als möglich zu machen, aber der Leser wird oft weniger als Alciphron von der Wucht der Gründe seines Freundes und Gegners niedergedrückt, öderes wird ihm zum mindesten seltsam zu Muthe, wenn er sieht, wie rasch Alciphron der stolze Verächter sich gefangen giebt; auch wenn er den Ansichten Eutyphrons traut, traut er ihnen nicht die