Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Einheit des Judenthums innerhalb der heutigen religiösen Anarchie
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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innerhalb der heutigen religiösen Anarchie. 35 Zwei große Weltepochen bezeichnen bis hente den Entwichlungsprozeß der historischen Menschheit, die Epoche des naiven, anthropomorphistischen, und jene des reflektirten, metaphysischen Glaubens. Bis zur Blüthezeit der antiken Welt war der erstere vorherrschend; die vielen Naturgötter der Völker arischer Race, wurden in menschlicher Weise vorgestellt. ״Auch die Thora offenbart sich in menschlicher Sprache." Erst als die alten Völker und Menschen über ihr eignes Wesen zu reflektiren anfingen, geistiger wurden, haben auch die bis dahin mit bloßen menschlichen Leidenschaften vorgestellten hö- Hern Wesen einen geistigen Charakter angenommen; aber immer blieben sie formell dem Geisteszustände der Menschen angepaßt: auch die Vernunftwesen entsprachen und entsprechen stets dem Geisteszustände ihrer Verehrer. Je nach diesem ihrem eignen psychologischen Zustande waren auch ihre Ideale, sei es phantastisch, mystisch, abstrakt, concret, speculativ oder rationell. Erst die moderne' Wissenschaft hat das, alles Endliche beherrschende Wesen unpersönlich als Gesetz aufgefaßt. Das moderne Ideal, sowohl der Natur, wie Geschichte, sowohl des kosmischen und organischen, wie sozialen Lebens, ist das Gesetz, welches alles Phänomenale, die ganze Erscheinungswelt beherrscht, und welches durch die Beobachtung und Analyse der Phänomene selbst erkannt wird. So verwandelt sich durch die Wissenschaft das subjektive Ideal in ein objektives, hört aber eben damit auf, das menschliche Gemüth zu befriedigen, sofern dieses der Ausdruck des Jndividuums ist. Es befriedigt nur den Geist, das universelle Wesen des Menschen, welches sich in seinem unpersönlichen, universellen Ideale abspiegelt; in dem allgemeinen Gesetze aller und jeder Phänomene erkennt der Mensch sein eigenes geistiges Wesen; in der objektiven Unendlichkeit seines Ideals findet er seine eigne Unendlichkeit wieder. Ist das aber das letzte Wort der modernen philosophischen Weltanschauung, so ist es nur das erste des modernen praktischen Lebens und Handels. Das Gesetzliche, das Ideale, welches die moderne Philosophie aus der modernen Wissenschaft gezogen hat, ist in der Gesellschaft, im praktischen Leben und Thun der Menschheit, bis jetzt nicht verwirklicht, fängt erst jetzt an, mit der An- Wendung der Resultate der Wissenschaft auf die sozialen Zustände 3*