Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Einheit des Judenthums innerhalb der heutigen religiösen Anarchie
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 Die Einheit des Judenthums höchste Ziel ihrer Bahn vorgezeichnet. Erst die Inden haben auch den übrigen Culturvölkern dieses Einheitsbewußtsein vermacht. So lange jenes höchste Ziel den Geschichtsvölkern, die ihre human - religiösen Anschauungen dem Judenthum verdanken, so wie den Juden selbst noch in mystischer Form einer idealen Persönlichkeit vorschwebte, unter deren Herrschaft die ganze Menscheit vereinigt werden sollte, blieb die messianische Geschichtsreligion ein bloßer Autoritätsglaube, welchem gegenüber die Menschheit sich nur passiv verhalten konnte. In dem Maaße, wie die moderne Wissenschaft und Arbeit das allgemeine Lebensbewußtsein umgestalten, schwindet der Autoritätsglaube, verwandelt sich die Form des persönlichen Messias in jene einer messianischen Epoche, in welcher die Culturvölker sich selbst beherrschen und vereinigen; was passiv erwartet und geglaubt wurde, wird aktiv und selbstbewußt erstrebt. — Aber erst wenn dieses Streben eine gewisse Befriedigung erreicht hat, kann von einer wirklichen messianischen Epoche die Rede sein, in welcher bekanntlich der altjüdische Glaube selbst, krast seines acht prophetischen Geistes, die Gesetze und Riten nicht mehr für verbindlich erachtet. Aus dem Gesagten erhellt, auch ohne daß wir uns hier schon auf andere, der Wissenschaft entnommenen Gründe einzulasten brauchen, und ohne uns vom Boden der altjüdischen Tradition zu entfernen, daß die politisch-humanitäre Reform der religiösen vorhergehen muß, und daß der wahre Grund der heute herrschenden religiösen Anarchie in den: llebergangsprozeffe ans der alten in die moderne Gesellschaft zu suchen ist. Die gesetzliche Religions- und Gewissensfreiheit ist nur die Sanktion der vorhandenen religiösen und philosophischen Anarchie. In dieser Beziehung kann das Judenthum und will es keine Ausnahmestellung in Anspruch nehmen. Aber die Einheit des Judenthums kann aufrecht erhalten werden, ohne der Religions- und Gewissensfreiheit entgegen zu treten, in Folge des wesentlichen Charakters, durch welchen es sich von allen andern modernen Religionen unterscheidet. Zu diesem Zwecke wollen wir den religiös-philosophischen Kern, den ganzen historischen Prozeß der Völker, welche die Heutige civilisirte Welt bilden, etwas näher ins Auge fassen.