Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Ebioniten des alten Testaments
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Dis ®Moniten des alten Testaments. s Ohren, und sie hatten auch das traurige Bewußtsein davon, wie Jeremia klagte: ״Wen soll ich anreden und warnen, daß sie es hören? ist doch ihr Ohr stumpf zu vernehmen!" Mer sollten sie auch nicht einmal ein kleines Publikum gehabt haben, auf dessen Versiändniß für ihre Gedankentiefe sie hätten rechnen können? Es läßt sich kaum anders denken. Wenn man darauf achtet, welche Sorgfalt Jesaias auf Formschönheit, auf rhetorische Pointen, auf esfectvolle Antithesen verwendete, so kann man nicht zugeben, daß er dieses Mes in den Wind gesprochen, daß er unter seiner Zuhörerschaft nicht einen Kreis gehabt haben sollte, der für feine oratorischen Feinheiten ein geübtes Ohr gehabt hat. Es gilt ferner als ausgemacht, daß die Propheten ihre Improvisationen niedergeschrieben haben. Von Jeremia wissen wir es mit historischer Gewißheit. Seine geschriebenen und vorgelesenen Warnungen haben auch auf einige Höflinge einen tiefen Eindruck gemacht, wenn auch der impertinente König Jojakim sie als lästige Gewiffensmahnerinnen stückweise in die Gluth warf. Die Propheten müssen demnach auf verständige und so zu sagen congeniale Leser gerechnet haben, welche wiederum auf diese Reden einen hohen Werth gelegt haben. — Der großartig angelegte Dialog Hiob ist,.was Jedermann zugiebt, ein rein literarisches Produkt, von vorne herein für Leser und für verständnißvolle, feinfühlige Leser und nicht für Zuhörer bestimmt. Diese titanische Dichtung, welche die Lösung tiefer Probleme für den Menschen zum Zweck hatte, ist auf hebräischem Boden, in Palästina, entstanden, wie sich weiter, im Verlaufe dieser Mhandlung sonnenklar ergeben wird. Sie ist, mag man ihre Entstehungszeit noch so tief herabrücken, in der prophetischen Geschichtsepoche componirt worden. Hat sie etwa der tiefdichterische und tiefphilosophische Verfasser bloß zum Spiel müßiger Stunden gedichtet, oder wollte er Leser dafür gewinnen, ihnen seine Ueberzeugungen beizubringen? Betrachten wir diese Erscheinung von einer anderen Seite. 1*