Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 15 (1866)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte der Bibelkritik in Frankreich
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 3)
- Language
- German
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34 Analekten. Oratoire. Die im Jahre 1678 veröffentlichte Histoire critique du Vieux Testament ist eine vollendete exegetische Abhandlung, die den andern Werken dieser Gattung* um 150 Jahre vorangeeilt ist. Die Methode Richard Simones ist die richtige: ein tiefes Durelidringen, unterstützt von einem immensen Wissen.! Der gelehrte Verfasser konnte nicht der Verfolgung entgehen, und sonderbar genug, gerade der ihm hierdurch auferlegte Zwang trieb ihn zu einer, im gewissen Sinne radicalen Kritik. Die zu grosse Wichtigkeit, die er Esra und der grossen Synagoge beilegt, das eigentümliche Privilegium, das er den Propheten einräumt, ״zu den heiligen Büchern Manches hinzuzufügen oder wegzunehmen,‘‘ sind Sonderbarkeiten, die ihm durch die theolo- , gische Engherzigkeit der Zeit abgedrungen wurden. Bekannt | ist das traurige Schicksal dieses ausserordentlichen Werkes, i Es sollte eben erscheinen und Arnauld überreichte Bossuet ein ׳ Exemplar der Vorrede und der Inhaltsanzeige, es war am Grün- I donnerstag 1678. Bossuet durchschaute mit seinem gewöhnlichen Scharfblick in wenigen Augenblicken, dass hier ein gefährlicher Feind sich finde. Die Wuth des Redners gegen den Forscher,! der seine schönen Phrasen zu Nichte machte, brach wie ein I Donner hervor. Bossuet lief trotz des hohen Feiertages so- , gleich zu dem Kanzler Le Tellier, und einige Stunden hierauf! nahm der Polizeilieutenant La Reynie bei dem Drucker alle j Exemplare der Histoire critique in Beschlag. La Reynie erhielt j den Auftrag, alle Exemplare — es waren 1300 - zu verbrennen,! und nur sechs oder sieben wurden gerettet; nach einem dieser! Exemplare wurde die Rotterdamer Ausgabe 1685 veranstaltet. Der Schlag war entscheidend. Bossuet tödtet.e auf mehrere Generationen hinaus die biblischen Studien in Frankreich. Der Widerruf des Edicts von Nantes vollendete das Werk, da es , das, was dem katholischen Clerus einigen Ansporn gab, aus dem Wege räumte: den Streit der beiden Parteien, der katholischen und protestantischen, der wichtige Studien zu Tage gefördert hatte. Von nun ab ist die Gedankenlosigkeit obenauf. Die Sorbonne beharrt in ihrer Feindseligkeit gegen alle historischen und philologischen Studien; der Lehrstuhl des Hebräisehen am College de France zählt nicht einen Lehrer von einigern Verdienst. Jean Grudoin, der einzige, der gelehrt gewesen I zu sein scheint, vermied jede Veröffentlichung. Und welche j