Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Was uns noth thut
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 7)
- Language
- German
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Was uns noth thut. 11 eine bessere Zukunft vor.— Brasilien zahlt wenig Juden; sie genießen völlige Freiheit*). Nach diesem Ueberblicke über die äußeren Verhältnisse wenden wir uns nach innen/ den Zuständen und Bewegungen auf religiösem Gebiete. Die äußere Lage übte nie, wie die Geschichte vieler Jahrhunderte lehrt, einen dauernden Einfluß auf die Gestaltung des Judenthums. In ihren Beziehungen zu Menschen von Menschen mehr oder minder beengt, entfalteten seine Anhänger in Beziehung zum Göttlichen eine ungetrübte Frische; der Kampf selbst gab dem Willen und der Ausführung eine Elasticität, eine aus tiefer Ueberzeugung hervorquellende Begeisterung, die zu begreisen den rohen Zeitgenossen die Fähigkeit abgiug, und für die der sie auch mitunter bewundernden Nachwelt'״das Verständniß fehlt. Aber nicht ohne Einfluß bleiben äußere Vorgänge, Eultur- und Bildungsgestaltungen auf den Juden. Der Jude, bildungsfähig und mit geistiger Regsamkeit begabt, stürzt sich eifrig dorthin, wo er für seine Geistesschärfe Nahrung zu finden hofft und verarbeitet unermüdlich den ihm zusagenden Stoff. Da versenkt er sich aber zuweilett so tief in den gegebenen Stoff, daß er von ihm überwältigt aus der Region, wo für ihn der Lebensäther, herabsteigt und vom väterlichen Glauben sich entfernend im Jndifferentismus untergeht. Und dieser Stoff ist nicht immer geistig; es bemächtigt sich seiner auch die gröbere Materie, so sie Ausstachelndes und Anregendes hat, und sie treibt und spornt und jagt ihn ohne Rast, und er findet nicht Ruhe und Muße und Erholung, um von der Materie losgebunden sich zu Gott, zu Höherem zu erheben. Wer erkennt nicht hierin das Bild unserer Zeit, in der noch mehr als das Hingeben au einen geistigen Stoff, die Macht der Materie, der drängende und sich selbst aufreibende und vernichtende Matenalismus, die in schädlicher Wechselwirkung einander bedingenden dämonischen Gewalten, Speculatiou und Luxus, an der Wurzel des Glaubens nagen und zehren? — ״Was uns noth thut?" Wir uns selbst! ״Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehe", so tönt es aus unserer Gegenwart; sie befindet sich in wilder Gährung, in einer durch den Umschwung der Verhältnisse des gesellschaftlichen Verkehrs hervorgerufenen fieberhaften Aufregung, die sie nicht zu sich selbst kommen, sie nicht sich selbst finden läßt. '*) Wir hoffen bald im Stande zu sein. Manches über die Verhältnisse der Juden in Guatemala, Chile und Brasilien näher berichten zu können.