Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4 (1855)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jahresschau
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 7)
- Language
- German
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Jahresschau. 11 Wurde selten Erhebung und Trost durch das göttliche Wort geboten. Doch die warme Glaubensanhänglichkeit erblickte in jeder religiösen Ausführung Leben, ihr war jede Vorschrift, jeder Gebrauch lebendig geworden, hatte sich aus trockener Handlung in seelenvollen Gemüthsausdruck umgewandelt, sprach und predigte in tiefverstandener und tiefersaßter Sprache: und so machte sich die Verzichtleistung auf religiös-gemüthliche Belehruug nicht fühlbar. Aber die neue Strömung durchbrach den Damm des frühem in der alleinigen Gesetzausübung Frische und Befriedigung findenden Gemüthlebens: das Verlangen nach dem belehrenden Wort trat nun als unabweisbare Forderung hervor. Sie wurde von mehreren Männern begriffen und sie suchten dem tief gefühlten Bedürfnisse abzuhelsen: ihrem unbestreitbaren Verdienst wird jede Zeit Anerkennung zollen. Aber wie früher die Belehrung von der Erlernung — dem Studium —, so drohete jetzt die Erlernung von der Belehrung verdrängt zu werden; man übersah, daß die eigentliche Weihe des consesstonellen Redners nur durch die specifische Theologie der Confession vollendet wird. So rückte nun die Theologie mit jedem Tage ihrem Verfalle naher, und man gerietst in nicht geringe Verlegenheit, wurde man von außen befragt, was den jüdischen Theologen macht. Oder sollte etwa zur Rechtsertigung dienen, daß einem Theile des Volkes die Ergebnisse der Theologie gleichgültig geworden waren? Aber erschlaffen die Lehrer dann erlischt auch der noch hier und da glimmende und mitunter noch zur lebendigen Flamme anzusachende Funke: und welche Glaubenstreue, welche Glaubenshut und Wacht wenn die Zeitströmung die Fahne ist, unter welcher die Theologie einherziehet! — Gedenken wir noch einen andern Umstand, der jedes bessere Streben zu überwältigen und aus der jüd. Theologie selbst die Waffen gegen ihr Aufkommen zu holen drohete. Den dem theologischen Stande sich׳ widmenden jungen Männern war die Nothwendigkeit einer allgemeinen Bildung zum Bewußtsein gekommen, und daß klassische Studien und Universitätswissenschaften von einer nur einigermaßen zu erreichenden Vollendung unzertrennlich seien. Da schien sich nun aber Manchem eine unaussüllbare Kluft zwischen dem klassischen und dem theologischen Lehrgang aufzuthun: hier vermeinte er nur Grübeleien und Spitzfindigkeiten wahrzunehmen, während dort sich Alles zum System und harmonischen Ganzen grup-