Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jahresschau
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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15 Jahrcsschmn Worte Gottes"; und jeder Vater wollte, daß sein Kind sich in dieser Lebensquelle bade: fast jede Gemeinde hatte Lehrer und Lchrhaus, in den größer« Gemeinden hatten ausgezeichnete Lehrer ihren Wohnsitz, und die Jugend strömte ihnen zu. Die Lehrhäuser sind verlassen, die Strömung Hat eine andere Richtung genommen, die Zeit grub ihr ein anderes Bett: daß der Strom nicht ganz versiege, muß die Sorge der Lehrer sein; sie dürfen nicht zusehen und abwarten, bis von anderswo Hülfe komme, nicht wähnen, mit traurigen Klagen Genüge geleistet zu haben, oder indem sie der Wissenschaft papierne schriftliche Unterlagen geben : Leben, lebendiges Wort, mündliche Mittheilung, einen Kreis wißbegieriger Schüler um sich sammeln und — wie es die alten Lehrer thaten — mit und in ihnen leben, dieses ist ihre ernste heilige Pflicht. ' Das Jndenthum hat nicht den äußern Feind zu fürchten: welche schwere Zeiten sah es nicht über sich Weggehen, wurde cs auch nur im mindesten durch sie erschüttert, auch nur in der Ausführung eines Gebotes durch sie irre gemacht? Auch die von mehreren Seiten sich zeigende Lauheit darf'es nicht ängstigen: der Fluß der Zeit überflutet leicht Jene, die keinen inner» Halt und Gehalt, keine tiefere Auffassung und Erfassung haben, nicht in sich sondern nur in der Zelt stehen, deren Leben nur Widerhall und Abspiegelung äußerer Eindrücke'ist. Das Judenthum hat auch solche Erscheinungen an sich vorüberziehen sehen : sein innerer Gehalt unterliegt keinem Wechsel und keiner Veränderung, und cs fand bei dem jedesmaligen Erwachen aus dem Zeittaumcl feine volle Berechtigung und Anerkennung wieder. Nur in dem Verluste der Wissenschaft, daß das Auge nicht mehr den Gehalt aufzusinden wüßte, die Lehre würde „wie ein versiegeltes Buch", drohet dem Judenthum Gefahr; der Verkündigungen trübste ist: „es wird verloren gehen die Weisheit seiner Weisen, und die Einsicht seiner Einsichtigen ist umhüllt" (Jesaias 29, 14). Es ist schon dieses ein trübes Zeichen der Zeit, ein Untergehen der Sonne, wenn im Jndenthum der Begriff Vertreter und Laien in ihrem Gegensätze zur Geltung kommeü, wenn einigen Wenigen — den Rabbinern — die Obhut der Lehre und des Wissens anvertrant werden sollte, sic einen „geschlossenen, die Theologie repräsentirenden Stand" bilden, der die Gemeinde der Sorge, das Heiligthum zu wahren, überhebt. Aber selbst diese trübe Zeit erscheint der die Zukunft bedrohenden Finsterniß gegenüber als Lichtpunkt! Machen wir uns mit dem traurigen Gedanken vertraut, daß die