Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1853)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jahresschau
- Date
- 1853-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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Jahresschau. 11 eigentliche Macht liegt in seinem geistigen Fortschritt! Ueberhaupt dürste ein Vergleich zwischen Oesterreich und Preußen auf diesem Gebiete nicht sonderlich zum Vortheil Preußens ausschlagen. Preußen hat nur Verkennung und Zurücksetzung der jüdischen Confession: die Synagoge wird vom Staat ignorirt, das jüdische Bekenntniß wird als ein religiöses nicht anerkannt; die Juden haben keine Rcligionsbcamten, keinen religiösen Traüungsact, für sie wurde die Civiltrauung ins Leben gerufen/die das Christenthum an Alter überragende Synagoge ist für den Staat nicht da! — Doch einmal erinnert man sich an den Juden: im Kirchengebete! Cs schließt seit einiger Zeit auf Anordnung der Hähern Kirchenbehörde mit dem Gebete für Bekehrung „der Ungläubigen und Juden". Der Staat sieht darüber weg, welche Begriffe hierdurch im Volk über den Juden geweckt und wie das Princip der Anerkennung aller Staatsbürger hierdurch untergraben wird: das Ministerium des Innern, dem die Aufrechthaltung des innern Friedens obliegt und daß nicht ein Th eil der Staatsangehörigen mit Haß gegen den andern erfüllt werde, hat wahrscheinlich „durch Interpretation der bestehenden Gesetze, eine Ausgleichung" zwischen der Aufregung zur Intoleranz und der jedem Bürger gewährleisteten Unantastbarkeit gefunden! Einen erfreulichen Gegensatz gegen die preußische Staatspolitik hinsichtlich der Juden bietet Sachsen. Sachsen, dessen Ausnahms- und Bedrückungsgesetze lange im grellsten Widerspruche mit seiner Bildung standen, hat endlich den Forderungen des Rechts und der erleuchteten Staatswci'sheit die ihnen gebührende Rechnung getragen. Sachsens Negierung geht aufrichtig zu Werke, und es wurde den Kammern vom Staatsmi'nisterium erklärt, daß das einmal Gegebene unbeschränkt erhalten werden müsse, und die Regierung sich durchaus nicht auf Hintergedanken eknlassen werde. Zwar suchte man von einer Seite das „Volksbcwußtsekn" rege zu machen, und es gelang am Landtage des vorigen Jahres, eine Innung zu einer Petition gegen die Juden3) auszi,stacheln; aber man mußte sich bald überzeugen, daß dieses „Volksbewußtsein" nur ein erkünsteltes sei: das Volk ließ durchaus keine Billigung des Versuches, den Juden von Neuem zu beschränken, vernehmen. — Auch die confessionellen Interessen 3) Die Petition war eigentlich gegen auswärtige, die Märkte besuchende Juden gerichtet; man suchte jedoch hieran allgemein gegen die Juden anzüknüpfen.