Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829866-2829871-2842345--41850-2842449- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 Besprechungen und kurze Mitteilungen. geweiht: und auch dies alles dahin, das Resultat eines gelehrten Daseins das Nichts, die ernsten Gedanken eines Weisen in einer Erdscholle geborgen! Doch nein, der Gedanke an die Unsterblichkeit tröstet! Wachstein weiß gut auf diese Seelenstimmungen in den Inschriften hinzudeuten. Wer die feine Schilderung liest, die er von dem gelehrten Wiener Rabbi u. Kabbalisten Sabbatai Scheftel Horwitz gibt, der die beiden im Diaspora-Judentum parallel laufenden Strömungen des Geistes in sich vereinigt habe, die intellektuell-szientifische u. die religiösinnige, grüblerische, gemütstiefe, der begreift, daß der Herausgeber sich nicht nur auf die Toten, sondern auch auf die Lebenden versteht. Für die Geschichte der Wiener Judengemeinde -ist natürlich das Monumentalwerk von größter Bedeutung. Das Martyrium aller ihrer Leidenszeiten spiegelt sich in den Inschriften wieder, aber auch ihre wissenschaftliche Bedeutung, der Hochstand ihrer sozialen Einrichtungen, der Ruhm ihrer religiösen Tugenden. Die Grabsteine charakterisieren trotz ihrer poetischen Sprache ganz genau die Durchschnittsmenschen, die führenden Persönlichkeiten, die Gelehrten. Ihre Poesie ist eine andere, wo es Männer oder Frauen, Jugend, Manneszeit oder Greisenalter zu beklagen gibt. Nach Wachsteins einleitenden, kritischen Untersuchungen scheint der Friedhof auf der Rossau als erste Begräbnis- Stätte der Wiener Juden in der Mitte des 16. Jahrhunderts begründet zu sein. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten, noch erhaltenen und leserlichen Inschriften. Die Wiener Siedlung hatte aber ihre Begründung und ihren starken Zuzug aus Süddeutschland und aus Böhmen, daneben auch aus Polen und Italien. So reicht die historische Bedeutung der Inschriftensammlung über Wien hinaus in die Gesamtgeschichte der Judenheit hinein; sie wird für diese fortan ein unentbehrliches, genealogisches und personengeschichtliches Handbuch bilden. Unter den 695 Grabinschriften, welche der erste Band enthält, fehlt wohl keine der bekannten Judenfamilien, die einst in der Geschichte der eigenen Gemeinden, wie in der ihrer Aufenthaltsländer eine bedeutsame Rolle spielen durften. Es ist begreiflich, daß bei der Weitschichtig־ keit des Materials, bei der Schwierigkeit der Schriftlesung, bei der Rätselhaftigkeit der mit Vorliebe in den Texten gebrauchten Abkürzungen die Ausdeutung und Gruppierung des Stoffes nicht immer eine sichere sein kann. Der Handgebrauch des Werkes in der Einzelforschung wird manche kritische Stellungnahme zu seinen Ergebnissen