Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 5)
- Language
- German
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Besprechungen und kurze Mitteilungen. 231 und subjekfivistischer Lebensauffassung die entscheidende typische geschichtliche Bedeutung zukommt, die Lamprecht ihr zuspricht; daß sie für unsere Frage grundlegend ist, dürfte klar sein, hier liegt die Scheidelinie zwischen Mendelssohn und Herder. Der Begriff des Individuums ist zweideutig. Die Anfänge des Individualismus empfanden allgemeinmenschliche Eigenschaften als eine allen Individuen gleichmäßig zukommende Gabe, davon geht ihr Individualismus, wesentlich kosmopolitisch, allgemein, völkerverbindend gerichtet aus, erst später sah man in diesem Begriffe das Besondere, dem einzelnen Individuum allein Zukommende, und so spaltete sich vom Individualismus eine neue Weltauffassung ab. die man Subjektivismus nennen kann, und die organisch zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts führte1). Mendelssotm und selbst Lessing waren überzeugt, daß die Menschen in ihren wesentlichen und besten Eigenschaften gleich sind. Herder ahnte, wie stark sie verschieden sind. Gewiß tritt Herder für unbedingte Toleranz auch den Juden gegenüber ein, aber eben für das, was er unter Toleranz versteht; er definiert es einmal: nicht über das Innerste im Herzen eines andern richten. Diese Toleranz gilt jeder Art von Religion gegenüber, aber eben dem, was er unter Religion versteht, die ihm ganz im Gemütsleben und in sittlichen Kräften beschlossen ist. Die Juden aber, — »ihr Stammescharakter«, sieht er, »ist ihnen Religion.« Er verspottet den »Trotz auf allgemeine Rechte der Menschheit, die zur Bestimmung dieser Frage«, nämlich der Gleichberechtigung der Juden, »nur als Eingang gehören.« »Wozu Diskussion über Rechte der Menschheit, wenn bloß die Frage ist: wie viele dürfen ihr Geschäft ohne Nachteil der Eingeborenen betreiben?« Dabei bewundert Herder durchaus Lessings Nathan und seine Tendenz der »Menschen-Religion — und Völkerduldung«; man sieht, wie scharf wir hier scheiden und in die Begriffe des Zeitalters eindringen müssen, es hieße die Geschichte fälschen, wollte man Herder Toleranz im Sinne unserer apologetischen Schriften zusprechen. An einer solchen Scheidung läßt es Horowitz gar zu sehr fehlen, umgekehrt ist sein Buch fast mehr der Idee der Humanität als der der Toleranz gewidmet, und selbst jene verallgemeinert er, x) Lamprecht hat andere Bezüge beider Zeitalter betont, aber auch diese Scheidung ist wohl von ihm gelegentlich ausgesprochen, dürfte jedenfalls in seinem Sinne sein und begreift den Unterschied derselben, von ihm unterschiedenen Zeitalter in sich.