Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1915-01-01 · Heft 4 · p. Seite 230

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
59 (1915)
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1915-01-01
Page
Seite 230 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829866-2829871-2842344--41842-2842443
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

230 Besprechungen und kurze Mitteilungen. religiösen Minoritäten — zu denen er ja selbst gehörte — toleriert wissen wollte, aber keineswegs eine Bekämpfung seiner politischen Maßregeln in den Zeitungen erlaubte, sodaß Lessing verbittert, und freilich übertreibend, schreiben konnte, die Berlinische Freiheit reduziere sich darauf, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man wolle, im übrigen sei das Preußen Friedrichs das sklavischste Land von Europa. »Weder Staat noch Kirche sind befugt, sich in Glaubenssachen ein anderes Recht anzumaßen, als das zu belehren«, in diesen Worten Mendelssohns mag, negativ gewendet, die Toleranzidee seiner Zeit ihren bündigsten Ausdruck gefunden haben. Loslösung des Glaubens von kirchlichen wie staatlichen Begriffen ist eine Tendenz der Zeit, und auch der Begriff der religiösen Toleranz in der Zeit der Aufklärung ist überhaupt nicht zu verstehen, wenn man sich nicht vor Augen hält, wie gerade die besten deutschen Geister dieser Zeit, die ja überhaupt allem Organisatorischen abhold waren, Religion als eine Sache des Gemüts auffassen und nichts anderes, wie sie geflissentlich alles vom Begriff der Religion fernhalten wollen, was nicht an das Innere des Gemüts gebunden ist, sodaß Paul de Lagarde mit Recht sagen konnte, daß Lessing, Herder, Goethe, Kant, Winckelmann weder vom protestantisehen Systeme, noch von der protestantischen Kirche irgend wesentlich beeinflußt sind. Weil die Beschränkung der Toleranz auf die Freiheit des Gemütes nicht scharf genug gefaßt wurde, ist auch das seltsame Mißverständnis Herders in beiden Aufsätzen entstanden1). Wolff erwähnt Herder wenig, aber, wo er ihn nennt, doch als einen Vorkämpfer der Toleranzidee in seinem Sinne, und Horowitz nimmt den Lehrer der Humanitätsidee auch als einen Lehrer der Toleranz und der Gleichberechtigung der Juden. Nichts ist unbegründeter, und die Persönlichkeit Herders ist wichtig genug, um bei diesem Punkte zu verweilen. So gewiß Herder ein Kind der Aufklärung ist, so gewiß ist er ein Vater der Romantik. Man kann zweifeln, ob der Scheidung von individualistischer ן) Ich gestehe, die von Horowitz S. 56. Anmerkung, genannte Schrift Kohuts nicht zu kennen: auch die Heiderausgabe von 1809, nach der er dort zitiert, ist mir nicht zur Hand, aber es kann sich wohl nur um die Adrastea-Aufsätze »Über Nationalreligionen« und »Bekehrung der Juden« handeln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.