Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
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Besprechungen und kurze Mitteilungen. 229 im Vorwort einer Locke-Übersetzung von 1796. Es ist eben in erster Linie die liebenswürdige, ein wenig weichliche Moral, die überschwängliche Glückseligkeitslehre, das allgemeine Streben nach Menschenbeglückung, wie sie jenes Zeitalter beherrschten, die auch seinen Schriften über Toleranz die eigentümliche Färbung verleihen. In Verfolg der Auflösung der gebundenen mittelalterlichen Weltanschauung, beherrscht von der Auffassung vom Staate als Beschützer der Bürger, vor allem aber erfüllt von schwärmerischen Ideen der Menschenliebe, verlangte man, daß die Minoritäten, besonders die religiösen Minoritäten, von der Majorität oder dem Staate nicht anerkannt, aber geduldet würden; diese Freiheit des Glaubens war Toleranz, nichts anderes. Sie ist wichtig genug, und es bedarf keiner Er- Weiterung, die unter Toleranz irgend ein höchstes Gut der Weltanschauung verstehen möchte. Bei einer solchen Beschränkung der Toleranz auf die Freiheit der Religion (späterhin überhaupt auf Freiheit der Denkart) wird auch der Vorwurf hinfällig, den Horowitz Locke macht, daß er die Atheisten nicht in seine Toleranz einschließe. Die Atheisten waren für Locke eben nicht Anhänger einer Religion, sondern die Leugner der Religion. Locke schließt ja nicht nur die Atheisten, sondern, was H. entgangen ist, auch die Katholiken aus, und folgt darin dem Beispiel Cromwells, eines der Väter der Toleranzidee, der zwar die Juden, aber nicht die Katholiken dulden will 1). Denn für England, das puritanische wie das anglikanische, waren die Katholiken nicht Religionsbekenner, sondern ein dem Staate unbequemer Machtfaktor, und es war kein Gedanke daran, eine feindliche Macht tolerieren zu wollen. Genau wie Friedrich der Große zwar die Daß H. das nicht gesehen hat, ist nicht so seltsam: Locke sagt es nie mit klaren Worten, ja, grundsätzlich verlangt er an mehreren Stellen seiner Briefe Toleranz auch den Katholiken gegenüber. Aber seine Meinung wird, auch ohne daß er die Katholiken nennt, deutlich genug, wo er von den Grenzen der Toleranz spricht: »—-wenn diese Leute lehren, daß man Ketzern kein Wort halten müsse? — — — was wollen sie mit der Behauptung, in Bann getane Könige verlieren Krone und Reich, wohl anderes sagen, als daß sie Macht hätten, Könige abzusetzen?-— Ferner kann eine Kirche, deren Hauptgrundsatz ist, daß alle, die zu ihr treten, ipso facto sich in den Schutz und Dienst eines fremden Fürsten begeben, auf keine Weise von der Obrigkeit geduldet werden«.