Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1915-01-01 · Heft 4 · p. Seite 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
59 (1915)
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1915-01-01
Page
Seite 228 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829866-2829871-2842344--41840-2842441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

228 Besprechungen und kurze Mitteilungen. sondern in erheblichem Maße von den Staatsmännern gemischt konfessioneller Länder, die den Wert der Duldung für ein von religiösen Parteiungen zerrüttetes Land, im Gegensatz zu den Geistlichen, sehr wohl verstanden (Siehe Dilthey, Werke, II, S. 96). Toleranz als »Anerkennung« von seiten des Staates wäre doch wohl nur dann zu fordern möglich, wenn man in dem Staate, wie es im 19. Jahrhundert meist geschieht, ein positives Gebilde erblickte. Locke begründet umgekehrt die Toleranz durchaus auf seine liberale, man kann wohl sagen manchesterliche Auffassung, daß der Staat zum Schutze des einzelnen Bürgers da sei. Noch Voltaire, dessen beredten traite sur la tolerance selbst seine Verächter der Sturm- und Drang-Periode, wie Heinrich Leopold Wagener, gelten lassen, versteht deutlich unter Toleranz die »Toleranz der Meinungen und besonders der religiösen Meinungen«, aber nicht im geringsten, was Wolff dem Begriff der Toleranz unterschiebt, die »Lebensfreiheit für alle diejenigen, die bis dahin zurückgedrängt, sich nicht voll für Staat und Gesellschaft auswirken konnten«. Es ist wenig genug, was er im Namen der Toleranzidee für die Protestanten Frankreichs fordert: »keine öffentlichen Tempel, kein Recht auf behördliche Ämter und Würden«, sondern »nur den Schutz des Naturrechts, die Gültigkeit der Ehe, die Sicherheit ihrer Kinder, das Recht, ihre Väter zu beerben, die persönliche Freiheit«. Man muß nur einmal auf den Umfang der begleitenden Begriffe lauschen, um zu verstehen, welche Nebengefühle bei dem Worte Toleranz in den Herzen der Zeitgenossen Mendelssohns mitklangen, Voltaire spricht von »Freiheit der Meinungen, soweit sie nicht in die Rechte anderer eingreifen«, er fordert die Herrschenden auf: »Belästigt die Herzen nicht, und alle Herzen werden euch gehören«. »Toleranz und Ge- Wissensfreiheit«, diese Zusammenstellung ist mir zuerst aus dem Titel einer anonymen Schrift von 1728 bekannt; in demselben Buche wird »menschliche, billige und gnädige statt der harten, strengen und feindliehen Behandlung« gepredigt, genau wie später Voltaire (Kap. 15) der Intoleranz die Ideen der Liebe, der Milde, der vernünftigen Belehrung entgegensetzt1); »Toleranz, Denkfreiheit, Aufklärung« heißt es a) Nur ein paar Proben, von vielen: Erzwungene Religion ist keine Religion, man muß überzeugen, nicht zwingen. — Glaube läßt sich nicht mit Degenstichen beibringen. — Die Religion gleicht der Liebe: Befehl erreicht nichts, Zwang noch weniger.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.