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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1852-11-01 · Heft 14 (November 1852) · p. [Seite]

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
1 (1851-1852)
Issue
Heft 14 (November 1852)
Article
Briefe aus Belgien
Date
1852-11-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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546 Briese aus Belgien. ganzer Gemeinden und Stiftungen, sowie alle zeitgemäße Reformen und Verbesserungen im Cultus bei dem größern Theit unter ihnen zu ersreuen hatten. Dieser letztere Uebelstand tritt noch bemerkbarer hervor, seit die September-Revolution von 1830 das Band zwischen Kirche und Staat völlig gelöset, seit Rabbiner, Confistorien, Gemeindevorsteher und Schnlen nicht mehr unter Obhut und Kontrolle der Regierung stehen, und diese sich nicht zu kümmern hat, wie die Subsidien des Staats verwendet werden. Wir wollen es dahin gestellt lassen, in wiefern eine katholische Zeitschrift in Frankreich mit Recht behaupten durste, daß man es diesem Umstand zuzuschreiben habe, daß in Belgien, wo doch gewiß die völligste Gleichheit der Confessionen constitutionsmäßig eingeführt ist, verhältnißmäßig mehr Juden zum Christenthum übergegangen sind als in manchen andern Ländern wo die confessionelle Verschiedenheit das einzige Hinderniß ist, welches der Emancipation üu Wege stehet.*) Wie *) Daß nicht mit der vom Herrn Corresp. angeführten fanatischen Zeitschrift die früher in Belgien vorgekommenen Uebertritte der Emancipation zuzuschreiben seien beweiset der Umstand, daß in Frankreich, wo doch ebenfalls nach dem Ausdrucke des Corresp. die Gleichstellung unverhofft kam, Uebertritte zu-den Seltenheiten gehören; der französische Jude hängt, wenn auch bei Manchem manches Ceremonialgesetz lax, mit der innigsten Glut an der Väterliehen Religion, er ist — wie man sich bei einigem Aufenthalt in Frankreich und in Umgang mit französischen Juden leicht überzeugen kann — auf seinen Glauben stolz und stehet bei keiner Gelegenheit zurück, sich zu ihm zu bekennen und mit ihm hervorzutreten. Die Emancipation hat sich da wo sie vollständig und ohne Hintergedanken gegeben wurde, und ohne Verdrehungen und unwürdiges Umgehen bewahrt und gewährleistet wird, als den Glauben befestigend und den Juden in ihm veredelnd gezeigt: sie bestärkte in ihm das den freien Mann charakterisirende Selbstgefühl das Verrath, an Glauben wie an Vaterland, mit Abscheu von sich weiset. — Die Uebertritte in Belgien sind — oder waren vielmehr, da heutigen Tages auch in Belgien die Uebertritte seltener — in einem andern Umstande zu suchen: in der Fluctuation der jüdischen Ansiedelungen in diesem Lande. In Belgien machten sich, wie auch die Briese erzählen, erst in neuerer Zeit jüdische Familien ansässig, und diese verwechselten oft ihren Wohnsitz oder verließen das Land und andere kamen an ihre Stelle. Das eigentliche religiöse Gemeindeleben, der confessionelle Zusammenhang fehlte hierdurch ganz: zudem waren viele dieser aus den verschiedensten Gegenden Ein- und Durchwandernden schon von vorn herein nicht mit der größten Anhänglichkeit an den Glauben ausgerüstet, und diese nahm in dem Maße ab, als zu jener Zeit Synagogen, Schulen u. s. w. nicht organisirt waren und die einzelnen, einander fremden Ansiedler des religiösen Mittelpunktes und der Belehrung entbehrten. Wir weisen daher mit Unwillen die von mancher Seite vorgebrachte gleißneristhe Insinuation zurück, es liege im Interesse der Juden selbst, die Gleichstellung zurückzuhalten: weder dem Glauben noch dem Staate erwächst durch sie Nachtheil, weder haben die Folgen der Emancipation das Judenthum in seinen religiösen Interessen beeinträchtigt noch haben die Ne-

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