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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1938-01-01 · Heft 6 · p. Seite 399

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
82 (1938)
Issue
Heft 6
Article
Abravanels Lehre vom Niedergang der Menschheit
Date
1938-01-01
Page
Seite 399 (sequence 19)
Language
German
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Abravanels Lehre vom Niedergang* der Menschheit 3Ö9 forsche ich in Gottes Wort gemäß dem Ausspruch: der Mangel ist da — daher studiert er die Lehre66. Man sieht: die Gefahr der Hingabe an Staats- und Geldgeschäfte für das geistigreligiöse Leben und den Segen der — wenn auch erzwungenen — Zurückziehung auf das Notwendigste hat Ab. nicht erst aus Büchern erkennen lernen, sondern unmittelbar erlebt und von hier aus Verständnis und Empfänglichkeit für die viel weiter gehende Verwerfung aller Bemühungen um die Lebens- Verfeinerung gewonnen. Und wenn er mit solchen Anschauungen von dem streng kirchlichen Spanien nach dem Italien der Renaissance kam, wo staatliche und wirtschaftliche Macht nicht als Mittel zu Glück oder Seligkeit, sondern als Selbstzwecke gewertet wurden33, so mußte dieser geistige Klimawechsel den Blick schärfen für die Gefahren, die der religiösen Innerlichkeit aus den profanen Zielsetzungen erwachsen konnten. Dürfen wir ihn also in diesem Sinne verstehen — mit dem Vorbehalt, dem jeder Deutungsversuch der letzten Motive eines Menschen unterliegt —, so rückt die Berührung zwischen ihm und Seneca, welche Baer auf gedeckt hat, in ein eigenartiges Licht. Nicht ein Buch schöpft hier aus dem anderen: zwei Geistes- und Schicksalsgenossen reichen einander über die Jahrhunderte hinweg die Hand. Denn, auch bei Seneca stellt sich natürlich die Frage, wie es kam. daß der vornehme, hochgebildete Römer als Greis in die Gefolgschaft der kynisehen Naturapostel und Wissenschaftsfeinde geriet, von denen er früher, zumal als naturwissenschaftlicher Schriftsteller, nicht viel hatte wissen wollen. Die Erklärung liegt auch hier vorwiegend im Leben: er schreibt seine Briefe unter dem Schwerte des Henkers — des zum Henker gewordenen kaiser- 33 Den Kontrast zwischen dem durchaus kirchlichen Spanien um 1500, das bald die Wiege der Gegenreformation werden sollte, und Italien, das schon im Mittelalter sehr verweltlicht war, hat Heinrich Morf in einer Vorlesung, die ich vor 30 Jahren hörte, lebendig dargestellt? ein führender Romanist bestätigt mir, daß sich diese Gegenüberstellung noch heute durchaus aufrecht erhalten läßt. Über Menschen, die den Staat als Selbstzweck ansehen, vgl. Finkeischerer Anm. 15 und 36? über Ab.s Bestreben, seine Kenntnis der Geschichte und seine Lebenserfahrung für die Bibelerklärung zu verwerten, S e ga 11 263; Rosenthal 36.

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