Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1938-01-01 · Heft 6 · p. Seite 383

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
82 (1938)
Issue
Heft 6
Article
Abravanels Lehre vom Niedergang der Menschheit
Date
1938-01-01
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2829132-2830031-2830038-2841523--55571-2841569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Abravanels Lehre vom Niedergang* der Menschheit 383 römische Schrifttum gewirkt. In Hesiods Schilderung des ״goldenen Menschengeschlechts“ flössen noch keine kulturkritischen Züge ein, wohl aber z. B. in die diejenige Ovids Met. I 89 ff.3: ״Strafe und Furcht fehlten; keine drohenden Worte las man auf Erz (es gab also nur das ungeschriebene Gesetz). Noch war die Fichte nicht gefällt, um den fernen Erdkreis zu besuchen (Verwerfung der Schiffahrt); die Erde, nicht vom Pfluge verwundet (Mißbilligung des Ackerbaus), gab alles von selbst her“. Nicht ganz einheitlich ist allerdings das Geschichtsbild in Senecas 90. Brief. Dieser gibt zunächst die Anschauung des Jungstoikers Poseidonios wieder, welcher zwischen dem kynischen Kulturpessimismus und dem aristotelischen Optimismus einen Ausgleich suchte; sein Ideal ist die Urzeit, in welcher wegen der sittlichen Vollkommenheit der Menschen Gesetze ״noch nicht nötig waren“; aber das staatliche Zusammenleben steht bei ihm schon am Anfang der Geschichte; die Technik bejaht er durchaus. In letzterer Hinsicht widerspricht ihm Seneca scharf unter dem Einfluß seiner kynischen Lehrer4; die fortschreitende Verfeinerung des Lebens bedeutet für Seneca fortschreitende Entfernung von der Natur, also fortschreitenden Niedergang. Der Erfolg der kynisch-stoisehen Lebensanschauung beruhte vor allem darauf, daß die Einseitigkeit der ethischen Wertung dem Bedürfnis des ausgehenden Altertums entgegenkam. Angesichts der Kontraste der Zeit, da sinnloser Luxus dem Elend der freien und der unfreien Arbeiter Hohn sprach, da die Laune eines siegreichen Heerführers oder Herrschers den Niedrigen in schwindelnde Höhen heben, den heute noch Beglückten in den Abgrund stürzen konnte, klammerte man sich nur zu gern an die ״unentwindbareWaffe“ der Charakterstärke als den Quell wahren Glückes, den kein ״Tyrann’“ und keine Schicksalsfügung verschütten kann. 3 Ab. zitiert die Metamorphosen im Kommentar zu Daniel VI 5; aber auch mit der Kenntnis verwandter Schilderungen bei Vergil und Tibull, aus denen Ovid zu schöpfen scheint (Oltramare, Les origines de la diatribe Romaine, 1926, 196 ff.; 206 ff.), ist bei ihm zu rechnen. 4 Oltramare 252ff.; Heinemann, Poseidonios״ met. Sehr. I 163. Über die Benutzung dieses Briefes vgl. Baer, Finkeischerer und Strauß 109, 2.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.