Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Abravanels Lehre vom Niedergang der Menschheit
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2830031-2830038-2841523--55570-2841568- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
382 Isaak Heinemann Grundlegend für das gesamte griechische Denken, übrigens auch von hohem Einfluß auf die Renaissance, ist der Gegensatz von Physis als organisch wirkender ״Naturkraft66 und Thesis als planmäßiger Menschensatzung• Auf Physis beruht z. B. das ״ungeschriebene Gesetz66 der Ethik, auf Thesis die besonderen Gesetze der Staaten. Folgerichtig durchgeführt, müßte diese Antithese zur Herabsetzung des gesamten Kultur Schaffens führen. Hiergegen sträubt sich aber der Kulturwille und der starke historische Sinn des Hellenen. Nur eine Schule scheut, mit bewußter Freude am Ärgernis, vor den letzten kulturfeindlichen Folgerungen nicht zurück: der Kynismus. Was nicht auf Physis beruht, gilt ihm nicht nur als anfechtbar, sondern als verwerflich. Zugleich wird der Begriff soweit gefaßt, daß über jede Entfernung des Menschen von der Natur, mithin über jede Technik (מלאכות Ab.), Zivilisation und Kultur der Stab gebrochen ist. Ideal ist das Leben des Hundes; nach dem jov nennt sich die Schule. Denn das Tier lebt naturgemäß und daher glücklich; was die Menschen erfunden haben, um ihr Glück zu fördern, entfremdet sie der Natur, steigert die Ansprüche ans Leben und macht sie daher unglücklich und schlecht. Die Nachfolgerin des Kynismus, die Stoa, hat zwar an dem Jdeal des ״naturgemäßen Lebens66 und an der Gering- Schätzung aller ״äußeren66 Güter, wie Besitz und Ehre, festgehalten, aber den Gegensatz zwischen Natur und Techne, also Zivilisation, in zunehmendem Maße gemildert. Der Kritik an der Kultur der Gegenwart entsprach natürlieh das Geschichtsbild. Mehrfach, zumal in der Schule des Aristoteles, waren sehr kulturfreudige und lebendige Bilder des allmählichen Aufstiegs der Menschheit von urtümlicher Barbarei bis zur Naturbeherrschung der Gegenwart gezeichnet worden. Dem Kyniker dagegen erscheint dieser Weg der Menschheit weit eher als Verfall (Siacrupocpif)); und diese pessimistische Anschauung hat stark auf das — Ab. bekannte — in the West \r 1927, 19 ff. gilt Seneca ohne Einschränkung als Vertreter der römischen Stoa. Ich sehe von Polemik und eingehenden Quellennachweisen aus Raummangel ab; das Wichtigste ist aus Ueberweg~ Praechter und dem Artikel Kynismus in Krolls RE XII 3ff. zu ersehen.