Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die nationalitätenrechtliche Stellung der Juden in den russischen und österreichischen Nachfolgestaaten während der Weltkriegsepoche
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 16)
- Language
- German
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232 Kurt Stillschweig- Der damalige Staatskanzler Renner bat jedoch die Ver- Sammlung, den zionistischen Antrag abzulehnen. Yom administrativen Standpunkt, so führte Renner aus68, ״kennen wir nur eine mosaische Religion . . . dagegen gibt es kein Gebiet der staatlichen Verwaltung, wo bis jetzt das Judentum als Nation in Betracht kommt, und der Grund dafür ist der, daß die Juden untereinander selbst in diesem Punkte nicht einig sind, denn es gibt viele Juden, welche Wert darauf legen würden, aus dem Judentum eine geschlossene Nation zu machen, und es gibt viele andere Juden, welche wieder großen Wert darauf legen, in die abendländischen Nationen einzutreten . ־. . Zwischen diesen beiden Gruppen des Judentums ist Streit. Ich glaube es wäre verfrüh! wenn sich die Staatsgewalt in diesen Streit einmengen würde .. . Erst wenn das Judentum vollständig mit sich selbst im Klaren sein wird, wird es sich entscheiden, ob das Judentum eine Nation oder bloß eine Konfession ist und in die anderen Nationen hineingeht“69. Demgemäß wurde der Antrag Stricker zurückgewiesen.. Doch stimmten immerhin 25 Abgeordnete für die Vorlage, während sich 48 dagegen aussprachen70. II. Die Motive, die die Mehrheits Völker zur Anerkennung der jüdischen Nationalität bewogen, zeigen sich besonders plastisch in der Tschechoslowakei. Hier hatten viele Juden bis 1918 bei nicht-tschechoslowakischen Volksgruppen nationalpolitischen Anschluß zu finden gesucht. Beispielsweise in der Slowakei rechnete sich die jüdische Bevölkerung vielfach den Ungarn zu. Als man aber den tschechoslowakischen Staat zu konstitutionieren begann, machte sich unter den magyarisierten Juden eine Bewegung zu den Slowaken hin bemerkbar. Etwa die bisher ungarisch orientierte Kultus- ״jüdischen Nationalität“ nicht gestattet (vgl. Stillschweig ßd1. 81, S. 334 dieser Zeitschrift). 08 Stenographische Protokolle a. a. O., S. 876. 69 •Vgl. auch S t i 11 s c h w e i g, Die Juden Osteuropas usw., S. 80. 70 Zur Ablehnung dürfte auch der Umstand beigetragen haben, daß man die Vorbereitungen für die Zählung bereits getroffen hatte und die Aufnahme einer ״jüdischen Nationalität“ deshalb technischen Schwierig« keiten begegnet wäre.