Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die nationalitätenrechtliche Stellung der Juden in den russischen und österreichischen Nachfolgestaaten während der Weltkriegsepoche
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
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220 Kurt Stillschweig• sonderen Glaubenswahlen zu organisieren10. Und im Plenum des Stadtrats meinten sie: Sie rechneten sich ״nicht zur jüdisehen Nationalität, sondern bloß zur jüdischen Religion11 . .*. Deshalb sei auch die für die Juden geeignete Schule einzig die, ״die wahrhaft polnisch sei . . nicht bloß nach ihrer Sprache, sondern auch nach ihrem Inhalte6612. Diese und ähnliche Äußerungen stießen bei den Nationaljuden auf grundsätzlichen Widerspruch. ״ ... es ist nicht wahr66, so erklärte etwa der Wiener zionistische Abgeordnete Straucher13, ״daß man sich einem anderen Volke gegen seinen Willen als dessen Zugehöriger auf drängen kann, weil jedes Volk, jede Nation das natürliche Recht besitzt, fremdnationale Elemente . . . zurückzuweisen . . . Man mag Anhänger, Jünger, Bewunderer einer fremdnationalen Kultur sein; allein Nationsgenosse dieses Volkes ist man deshalb nicht geworden. Der Jude ist und bleibt Jude!6614 Demgemäß zogen die national jüdischen Parteien die Kon- Sequenz, von den Mehrheitsvölkern staatsrechtliche Anerkennung der Juden als Nationalität zu fordern. Doch bestand keine Einigkeit darüber, welche Rechte für die jüdische Nationalität zu erstreben seien. Selbst innerhalb der einzelnen national jüdischen Gruppen blieb diese Frage kontrovers. Etwa unter den Zionisten Polens lebte 1917 die alte Debatte wieder auf, ob in den jüdischen Schulen jiddisch oder hebräisch als Unterrichtssprache zu fordern sei15. Die schließ- 10 J. Arch. Nr. 6/7, S. 23 ff. 11 J. R. 1916, S. 371. 12 J. R. a. a. O. 13 In ״Jüdischer Nationalkalender“, Wien 1915, S. 90 f. 14 Einen ähnlichen Standpunkt vertrat in ganz anderem Zusammenhang ein nicht jüdischer Volkstumspolitiker, der Präsident des Nationalitätenkongresses, Dr. Wilfan. Er erklärte: Welche ״konkrete Vorstellung .... ein Volk von sich seihst hat“, könne nur das betreffende Volk selbst bestimmen. Daraus folge, daß ״ein Volk . . . eine schärfere, eine engere Vor- Stellung von sich selbst, von seinem eigenen Wesen“ gewinnen könne, so daß ״dann nicht mehr alle, welche man bisher als zu diesem Volk gehörig betrachten konnte, zu ihm zu zählen sind . . (Sitzungsbericht des Kongresses der organisierten nationalen Gruppen in den Staaten Europas, Wien-Leipzig 1933, S. 67.) 15 J. R. 1917, S. 370; vgl. auch J. R. 1915, S. 322 .