Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kritischer Idealismus und jüdische Theologie
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2830031-2830034-2841104--55190-2841129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kritischer Idealismus und jüdische Theologie 79 mir als ״für die philosophische Fundamentierung einer jüdisehen Theologie geeignet44 bezeichnet worden ist5. H. Barths besondere Position unter den zeitgenössischen Philosophen besteht darin6, daß er in der philosophischen Tradition wurzelt und gleichzeitig offenbarungsgläubiger Christ ist, daß also das, was für ihn als Christ Gegenstand seines Glaubens und als Philosoph Gegenstand seines Denkens ist, in der eigenen Existenz Zusammenkommen bzw. einen gemeinsamen Boden haben, auf dem sie sich begegnen können. Nicht von ungefähr will darum der kritische Idealismus H. Barths ״Existenzphilosophie64 sein. Unter ״Existenz44 versteht Barth aber nichts Gegenständliches, keine Sache, sondern eine ״Tat-Sache44 im Wortsinne. ״Das exsistere ist nirgends anders als im Vollzüge seiner ״Tat44; dieses ״existenzielle44 Sein ist einer Objektivierung als Sache, als Gegenstand unzugänglich44 (Kr. d. pr. V. 103). Dies involviert eine Kierkegaardisch orientierte Definition der Existenz: ,,Unter ״Existenz44 verstehen wir konkrete Entscheidüng für eine Möglichkeit, die in dieser Entscheidung ihre Verwirklichung erfährt.44 (105.) Die Unableitbarkeit der Entscheidung als Kategorie der Existenz spannt sie in ein dialektisches Urverhältnis hinein, insofern sie sich als ein Geschehen von Frage und Antwort in konkreter Situation zu erkennen gibt. ״Existenz findet sich in der Lage des Gefragtseins, ja sie ist selbst Frage, insofern sie nach den Möglichkeiten der Existenz fragt. In der Entscheidung beantwortet sie jeweilen die Existenzfrage, sofern sie eine Lebensmöglichkeit existentiell verwirklicht.44 (107.) — Wo aber liegt der Bezugspunkt, auf den hin Entscheidung erfolgt? Barth antwortet, daß dieser außerhalb der ermessenen Möglich- 5 Jüdischer Glaube in dieser Zeit, Berlin 1932, S. 86 f. (Anm. 244). 6 Vgl. die Würdigung von Hermann Diem: Kritischer Idealismus in theologischer Sicht (München 1934), deren Interpretation wir streckenweise folgen. — Eine ähnliche Position wie Barth auch hinsichtlich der hier nur zu erwähnenden Aufnahme platonischer Züge in den Kantianismus nehmen die Utrechter Neukantianer (Ovink-Francken) ein, worauf jüngst auch Joh. Hennig: Philosophie als strenge Wissenschaft (Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte XV, S. 126) aufmerksam machte.