Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kritischer Idealismus und jüdische Theologie
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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Kritischer Idealismus und jüdische Theologie 75 Diese Philosophie der Zeit aber ist ein fast unübersehbar großes Geröllfeld geworden, auf dem aus Trümmern alter Systeme verschiedenerlei mögliche Kombinations- und Konstruktionsversuche unternommen worden sind, die sich alle mehr oder weniger des Vorzugs glauben rühmen zu sollen, daß sie entgegen den klassischen Systemen metaphysiklos sind, d. h. von jeder die Phänomene transzendierenden Erklärung Enthaltung üben. Seitdem Edmund Husserl die Methoden phänomenologischer Wesensschau entwickelt hat, sind eine ganze Reihe Systembauten versucht worden, die wie die alten die Wirklichkeit aus einem Punkt heraus erklären, in denen aber die Wirklichkeit selbst — man möchte fast sagen prinzipiell — immanent gefaßt wird. Der Bewußtseinsläge unseres Jahrhunderts entsprechend ignoriert die Philosophie der Zeit die Möglichkeit realer Transzendenz und geht als ״Ontologie“, ״Existenzphilösophie“, ״Phänomenologie“ und unter welchen Kennmarken immer von der Endlichk e i t des Menschen aus, der in der Endlichkeit seines Daseins selbst letzte Instanz ist, aus keiner höheren Seinsform sich ableitet und kein totaliter aliter zu sich selbst mehr anerkennt und transzendiert als das, was dem Seienden seinem ״Sein“ (Wesen) nach gegenübersteht: das Nichts. Von diesen Voraussetzungen ausgehend hat am folgerichtigsten der Freiburger Philosoph Martin Heidegger in seinem noch unabgeschlossenen Werke ״Sein und Zeit“ ein System immanenter Ontologie errichtet, das vielen Freunden und Gegnern als typischer Ausdrude unserer Zeit erscheint und das wohl noch auf Jahre hinaus im Brennpunkt philosophischer Diskussion stehen wird. Sein philosophischer Eigenwert ist umstritten; wird doch angesichts der entschiedenen Ausklammerung aller materialen Gehalte zugunsten einer restlosen Formalisierung der ontischen Bezüge sogar als fraglich angesehen, ob es sich überhaupt um Philosophie hier handelt2. Das eine jedenfalls scheint festzustehen, daß keinerlei — auf Offenbarung bezogene — Theologie hier Anknüpfungspunkte wird finden 2 Vgl. mein Referat ״Tragische Existenz / Zur Philosophie M. Hei״ deggers" in ״Philosophia“ II (1937). 6*