Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 82 (1938)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kritischer Idealismus und jüdische Theologie
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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74 Hans Joachim ScEoeps Da min einmal die totalitäre Geltung der jüdischen Lehre für alle Bezirke der Wirklichkeit dahin ist und es sich füglieh nur noch darum handeln kann, in welchem Grad der Angemessenheit das Judentum sein Eigenes und Eigentliches als Möglichkeit unter den Möglichkeiten menschlicher Selbst- und Weltorientierung zur Geltung bringt, stellt sich die Frage, welches philosophische System der Neuzeit die besten Woraus- Setzungen hierfür bietet. Wir können heute schon auf eine ganz stattliche Anzahl systematischer und systemloser, aber gleichwohl mit Voraussetzungen belasteter Anknüpf ungsversuche zurückblicken. So ist das religionsphilosophische Denken Moses Mendelssohns ohne die Voraussetzungen der Leibnitz- Wolffsehen Schulphilosophie einfach unverständlich, die jüdisehen Systembauer im 19. Jahrhundert Salomon Formstecher und Samuel Hirsch ohne die entsprechenden Systeme des spekulativen Idealismus von Schelling und Hegel desgleichen. Alle diese Systeme, die ich andernorts eingehend zu analysieren versucht habe1, sind, unbeschadet der herausgestellten wertvollen Einzelerkenntnisse, für uns Heutige im ganzen unbrauchbar; das gleiche Urteil trifft auch das opus posthumum Hermann Cohens: ״Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“, das seine Abkunft von den Systemvoraus- Setzungen der Marburger Schule — trotz mancher das System schon überwindender Begriffe (z. B. ״Korrelation44 im späten Cohenschen Verstände) —nidit verleugnen kann. Und die Denkformen dieser (Marburger) Neukantianer sind in auffällig kurzer Zeit antiquiert, ja den Gegenwärtigen fast schon unverständlich geworden, wobei die Einsicht eine Rolle spielt, daß Kants wesentlichste Intentionen von dieser Schule übersehen worden sind, ja unbewußt mehr Hegelscher Geist in diese Systembauten eingegangen ist denn Königsberger Erbgut. Seit Hermann Cohens Tode aber sind keine Systemversuche von jüdischer Seite mehr unternommen worden und die Auseinandersetzung mit der Philosophie der Zeit ist ins Stocken geraten. 1 Geschichte der jüdisch. Religionsphilosophie in der Neuzeit, Band 1, Berlin 1935.