Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Quellen und Motive der Staats- und Gesellschaftsauffassung des Don Isaak Abravanel
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 502 (sequence 7)
- Language
- German
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502 Herbert Finkeischerer lag in der Erkenntnis Gottes und in der Vervollkommnung ihrer Seele. (Die Zurückdrängung der praktischen Seite des religiösen Ideals zugunsten der theoretischen ging ja durch die mittelalterliche jüdische Philosophie34, lag aber vielleicht auch in der asketischer werdenden Zeitströmung.) Hatten also die Leute des babylonischen Turms durch Verfehlung dieses Zweckes gesündigt, so war das, was sie statt dessen anstrebten, der קבוץ מדיני, zwecklos, ja zweckwidrig (zumal es sie von ihrer eigentlichen Bestimmung immer weiter abziehen mußte), also sündhaft35. Kennzeichnend ist der Vergleich mit dem älteren Zeitgenossen Isaak Arama36, bei dem schon die Gegenüber- Stellung begegnet: Sie sahen in dem gesellschaftlichen Zusammenschluß, der nur ein Wegzu einem größeren Zweck, dem seelischen Glück (עסק ההצלחה הנפשיית) ist, ihren eigentliehen Zweck (תכלית לעצמו, התכלית המיוחד), und darum ist die Sprachverwirrung bei ihm weniger eine Strafe (wie in* aller Schärfe bei Abravanel) als eine Art letzte Entfaltung der menschlichen Natur, die diesen Irrtum für die Zukunft verhütet. Abravanel hat hier einmal rücksichtslos weitergedacht, wie in seiner Stellungnahme zum Königtum, aber soviel ich sehe, hat er für seine übrigen Anschauungen nicht die letzten Konsequenzen gezogen, die diese Beurteilung der Gesellschaft ergeben müßte (und die etwa in der Forderung völliger Weltflucht oder der Verurteilung anderer als familiärer Bande be- Wie man siebt, kehren die Gedankenverknüpfungen hier und dort wieder, werden aber nicht schematisch übertragen. Von den 3 Einrichtungen, die der Stoa und ihren Nachfolgern gegen« über dem reinen ״Naturrecht“ problematisch waren (vgl. Troeltsch, Carlyle), führt Abr. das Privateigentum, mehr beiläufig, ebenfalls auf den Turmbau zurück (s. o. bei Anm. 17; so vielleicht auch der Midrasch, Ber. R. 386 nach der Auffassung bei Matnot Kehuna), dagegen scheint er die Entstehung der persönlichen Unfreiheit und der Unterordnung im Staate nicht scharf auseinanderzuhalten (Doppelsinn von עבד bzw. servus?). 34 Vgl. I. Heinemann, Die Lehre von der Zweckbestimmung des Menschen, bes. S. 33, 52 f., 64, 67. 35 Dieser Charakter der Zivilisation habe sich freilich durch die Ge« wohnheit verwischt (50c). Vgl. o. S. 498/499 über die Legalisierung dieser Dinge durch die Gesetzgebung der Tora. 36 Akedat Jizchak Pforte 14 gegen Ende (I 108).