Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der Dichter Salomo ben Meschullam Dapiera und die Frage seines Glaubenswechsels
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2830023-2830030-2841002--55037-2841052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Dichter Salom• ben MeschuUam Dapiera 485 etwa zwisclien 1340 und 1420; gewiß ist nur, daß er 1388 Sekretär der Gemeinde Saragossa war, die verhängnisvollen Jahre 1391 (Sevilla) und 1413/14 (Tortosa) erlebte und noch i.J. 1417 Verse auf die schlechten Weine dieses Jahres verfaßte (Brody-Wiener S. 328). Weder seinen Geburtsort noch seine letzte Ruhestätte kennen wir; wir treffen ihn außer in Saragossa noch in Monzon und Alcaniz an; oft auf der Wanderschaft in Aragon, Navarra und Südfrankreich. Wir wissen, daß er Kinder hatte, aber die Söhne überlebt hat, ein Geschick, an dem er schwer trug. Ob er Enkel besaß, erfahren wir nicht; der Name Vieira (Kaminka) ist kein sicherer Beweis. Dapiera war vielseitig gebildet und dichterisch reich begabt. Er trieb in der Jugend Philosophie, vermutlich aus arab. Quellen; so übersetzte er ein das Studium der Philosophie empfehlendes Gedicht des Mose ibn Tobi ins Hebräische (beginnend אשר יבחר בטוב בעץ חכמה יחטב), das im Diwan fehlt, aber bei Steinschneider (Kat. der Hebr. Hdss. München, S. 57, Nr. 3) angeführt wird. Er beherrschte das Lateinische und Spanische; in letzterer Sprache hat er auch gedichtet; doch scheint nichts davon erhalten zu sein. Die Gattungen seiner hebr. Dichtungen sind: Freundschaftslieder, Lobhymnen, Oden, Gruß-. Dank-, Glückwunsch- und Beileidsstrophen, Epigramme und Satiren; endlich religiöse Dichtungen (darunter Reschut, Nischmat, Kaddisch, Meora, Ahaba, Ge’ula, Pismon, Selicha, Kina); genau 40 an der Zahl (die Anfänge bei Steinschn. H. B. 16); von Brody a. a. O. sind eine Ge’ula und eine Kina abgedruckt. Eine stehende Rubrik in der jüd.-span. Dichtung von Salomo Gabirol bis auf Juda Abravanel bilden die Gedichte על הזמן; auch Dapiera legt in solchen seine Gedanken über Zeit und Schicksal nieder. Während aber die meisten Dichtungen dieser Art von elegischen Klagen widerhallen, gewinnt Dapiera aus allen Schicksalsschlägen und Erfahrungen beinahe die ,ataraxia4 des Stoikers. Immer neue Bilder strömen ihm zu für den Wechsel und Wandel der guten und bösen Tage; so sieht er sie einmal als lichte und düstere Engel Gottes die Himmelsleiter auf- und niedersteigen. Manche seiner Gedichte mit der Überschrift תוכחת מוסר gelten der Selbstprüfung. Eine ernste Abrechnung über sein ganzes Leben hält er in dem Gedichte