Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die hebräischen Intonationen in B. Marcellos Estro poetico-armonico
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 409 (sequence 17)
- Language
- German
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Die hebr. Intonationen in B. Marcellös Estro poetico-armonico 409 es aber durchwegs Gemeindegesänge sind, bleibt immer noch ein erheblicher Rest fester Rhythmik, der sich in Tanz- oder marschartigen Wendungen äußert. Auch in melodischer Hinsicht differenzieren sich deutsche und spaniolische Weisen erheblich, doch nicht so grundsätzlich, wie man das vielleicht — wenn man an den Gesamteindruck der askenasischen bzw. sephardischen Liturgie denkt — erwarten würde. Marcello hat ohne Zweifel nur solche Weisen verwendet, die für seine Zwecke (Cantus firmus) ergiebig und auch passend waren; gerade die charakteristischen Melodietypen des spaniolischen wie auch deutschjüdischen Synagogalgesanges, die freien Psalmodien oder Rezitative, kommen aber seiner Absicht wenig entgegen. Immerhin lassen sich gewisse Unterschiede festhalten. Yon den 6 deutschen Weisen sind 4 in Dur, 1 in aeolischer, 1 in phrygischer Kir chen-Tonart. Yon den 5 spaniolischen hat nur eine Dur-Charakter, die anderen lassen sich weder ganz dem Mollgeschlecht noch den Kirchen-Tonarten zuordnen, sondern zeigen noch deutlich die Spuren orientalisch-arabischer Herkunft; allerdings gehen sie manchmal seltsam änmutende Stilmischungen mit venezianischen und oberitalienischen Tanz- oder Liedweisen ein, was im einzelnen weiter unten nachzuweisen sein wird. Was die F ormgestaltung im einzelnen anlangt, so weisen 10 von den 11 Melodien den stereotypen einteiligen Litaneitypus auf, der ja auch dem Gemeindegesang am besten entspricht. Eine aber, Nr. 10, das Kaddisch am Erew Röschhaschanah, macht hier eine auffällige Ausnahme. (Siehe Beiläge.) Wir haben es hier mit der althergebrachten dreiteiligen Tanzform zu tun, die im 17.—18. Jhdt. allgemein herrschend war. Das Stück moduliert auch im Mittelteil ganz ״modern66, um in der Reprise wieder in die Ausgangstonart einzümünden. Das Stück klingt — ganz im Gegensatz zum Text — wie ein Schelmenliedchen der damaligen Mode. Es isi eine Villanella oder Y i 11 o t a33, ein spezifisch venezianischer Tanzrhythmus, der aber auch sonst, besonders in 33 Vgl Karl Somborn, Die Villanella (1901). Dieses Kaddisch erinnert in seinem Anfang stark an das alte Lied: Viel Freuden mit sich bringet. Monatsschrift, 81. Jahrgang 27