Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die hebräischen Intonationen in B. Marcellos Estro poetico-armonico
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 4)
- Language
- German
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396 Erich Werner Von besonderer Bedeutung war dieser neue Brauch für Venedig, für dessen jüdischen Chor der berühmte S a 1 o - mone Rossi unter dem Protektorat des großen R. Leon Arjeh da Modena kunstvolle mehrstimmige Chor- und vielleicht auch Instrumentalmusik für den synagogalen Gebrauch komponiert hatte10. Diesen ״modernisierenden66 Bestrebungen zum Trotz wurden allerorten von den Orthodoxen die alten, traditionellen Melodien besonders gepflegt und eifersüchtig bewahrt, viele von ihnen bis auf den heutigen Tag, wie wir sehen werden. Die selbstverständliche Voraussetzung für die Aufführung der neuen Kunstmusiken war die vollkommene Beherrschling der Notenschrift von allen Ausführenden; es wäre also durchaus verfehlt, den Mangel an jüdisch-musikalischen Auf- Zeichnungen mit Mangel an Kenntnis oder gar Interesse erklären zu wollen. Bevor wir uns nun ausschließlich der Persönlichkeit und dem Werk des Benedetto Marcello zuwenden, wollen wir versuchen, das jüdische Venedig des 17. Jahrhunderts und seine musikalischen Interessen näher zu beleuchten* 11. Da Marcello eine Anzahl seiner Melodien den Venezianer Juden entlehnt, wie wir noch sehen werden, muß er für ihre Musikübung einiges übrig gehabt haben. Tatsächlich stand die Musik der venezianischen Juden auf einem recht beachtlichen Niveau — und zwar schon seit Jahrhunderten. Schon im 15. Jahrhdt. müssen die jüdischen Musiker in Venedig ausgezeichnet gewesen sein12; angeblich überragten sie als Lehrer und Virtuosen ihre christlichen Kollegen dermaßen, daß ein großer Teil der Venezianer nur bei ihnen Unterricht nehmen wollte. Dagegen nahmen die kirchlichen Behörden Stellung und verboten den jüdischen Lehrern und Musikschülern mit schweren Strafen, Christen Konzerte oder Unterricht zu geben. Trotzdem ist im 16. Jhdt. fleißig weiter im Ghetto musiziert wordie Musikübung der Vereinigungsmitglieder vokaler oder nur instrumen« taler Natur war, läßt sich zumindest aus den Grabemblemen nicht erkennen. 10 S. Rossi il Ebreo; Psalmen neu herausgeb. von Naumbourg und V. d’Indy, Paris (1877). 11 Vgl. Adolfo Ottolenghi a. a. ö.r Venedig (1929). 12 S. a. F. A. Rio: Les quatre martirs, Paris (1856). Enthält u. a. Auszöge aus den Strafgesetzen gegen die Juden in Venedig.