Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die hebräischen Intonationen in B. Marcellos Estro poetico-armonico
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
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Die hebr. Intonationen in B. Marcellos Estro poetico-armonico 395 Bei dieser Gelegenheit muß auch der in weiten Kreisen noch immer verbreiteten Ansicht entgegengetreten werden, daß nämlich das spätmittelalterliche Judentum aus mangelndem musikalischen Interesse und wegen seines geringen theoretischen Wissens uns so wenig musikaliche Denkmäler hinterlassen hätte. Wenn auch der größte Teil der Judenheit, in den Ghetti zusammengepfercht, mehr oder minder abgeschlossen vom kulturellen Leben der Umwelt, und infolgedessen daran uninteressiert war, so zeugen doch einzelne Tat- Sachen mit unwiderleglicher Schärfe davon, daß es den Juden weder am Wollen noch am Können gefehlt hat5. Bereits in der Mitte des 15. Jahrhunderts beherrschte ein Jude Wölflin von Locham die damalige komplizierte Notation (Mensuralnotenschrift) so gut, daß von seiner Hand ein großer Teil der ersten mehrstimmigen Liederhandschrift in Deutschland, des Lochamer Liederbuches, aufgezeichnet werden konnte6, R. Levi ben Gerson (״Ralbag66) widmet dem zeitgenössischen Großmeister Philipp de Vitry 1343 ein Werk über die musikalische Intervallbestimmung7. Ygl. Renan-Neubauer, S. 296, Les ecrivains juifs francais. Das sind hervorragende musiktheoretische Leistungen; nicht minder intensiv war das praktische Musizieren der Juden auch in späteren Jahrhunderten. Sowohl aus ihren eigenen Berichten wie auch aus den nicht eben freundlichen musikalischen Karikaturen der ״ Juden-Musicken“ bei Newsidler811. a. erkennen wir die alte große Freude am Musizieren. Im 16. Jhdt. entstehen an vielen Orten jüdische Dilettanten- Orchester und -Chöre, die mehrmals im Jahr, meist in der Synagoge, ihre Konzerte veranstalteten. Yon einigen dieser Orchester existieren noch sorgfältig geführte Mitgliederlisten, so in Wien und Prag; oft läßt sich auch aus gewissen Grabsteinemblemen erkennen, daß der oder die Tote einer solchen Musik Vereinigung angehört hatte, was zumindest in Italien von ״zelante66 beanstandet wurde9. 5 Idelsohn, ferner neuerdings auch O. Ursprung, Bd. ״katholische Kirchenmusik" in Bückens Hdb. d. Musikwissenschaft, S. 2—14. 6 F. Arnold im Jahrb. f. Musikwissenschaft. Bd. II (1867), S. 14, neuerdings von Ursprung ohne erheblichen Erfolg angefochten. 7 Tractatus de numeris harmonicis. S. Riemann, Gesch. d. Musiktheorie, S. 235. Vgl. Coussenmaker, Scriptores III, § 10. 8 Vgl. DTOe. XIII. und Nettl, jüd. Musiker und Spielleute im: Mittelalter (1923), S. 42. Übrigens wäre ein Neudruck von Newsidlers Lautenbuch von 1544 sehr zu wünschen, nicht nur wegen. des ״Judentantzes". 9 Näheres bei Adolfo Ottolenghi, R. L. da Modena; s. a. Nettl a. a. O. (Rivista di Venetia, Luglio 1929). Vgl. a. Idelsohn VI. Hist. Einleitung. Ob 2fi*