Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die hebräischen Intonationen in B. Marcellos Estro poetico-armonico
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
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394 Erich Werner lichungen der genannten Art. So geringfügig die Zahl der spezifisch musikalischen Veröffentlichungen von 1500—1700 ist. so gewaltig ist allerdings die Fülle an theoretischen, liturgisch-musikalischen Unterweis angen, Vorschriften, Beschreibungen, Dezisionen. Aber diese an sich recht bedeutsame Literatur bliebe für den Forscher ohne großen Wert, wenn nicht die notierten Aufzeichnungen hinzukämen und musikalisdie Praxis und liturgisch-theologische Theorie einander ergänzten und eine Gesamtschau ermöglichten. Besonders bedauerlich bleibt immer noch, daß wir aus der Zeit von 1677 bis 1739 so wenig auf gezeichnete Melodien besitzen; war es doch die Epoche, in der die musikalische Hegemonie von Italien allmählich auf Österreich und Deutschland überging. In dieser musikgeschichtlich höchst bedeutsamen Zeitspanne, da der Hochbarock seine größten Schöpfungen hervorbrachte, Händel, Bach und Telemann in großartiger gegenseitiger Wechselwirkung zu Scarlatti, Caldara, Lotti und vielen anderen ihre Hauptwerke schufen, gibt es nur eine Quelle von Bedeutung für die zeitgenössische Synagogalmusik, nämlich das Psalmenwerk des Benedetto Marcello, ״Estro poetico-armonico66, Venedig 1724. Mit diesem Werk werden wir uns im folgenden zu beschäftigen haben. Wir wissen heute, daß trotz aller Absperrmaßnahmen von außen und von innen auch, die synagogale Musik bei aller Traditionstreue wie durch geheimnisvolle Fäden mit der Musik der Umwelt verknüpft war; auch sie macht, zwar immer etwas verspätet, aber doch deutlich erkennbar, alle Stilwandlungen der Musik ihrer Wirtsvölker mit4. Am deutlichsten hat das Idelsohn in seinem Werk ״Songs and singers in the 18th Century64 auf gezeigt. Es ist geradezu unglaublich, welches feine musikalische Fingerspitzengefühl diese zumeist ostjüdischen Chasanim entwickeln, wenn es sich darum handelt, den zeitgenössischen, (damals ״empfindsamen66) Musikstil Mitteleuropas zu kopieren, der sich doch von dem in ihrer Heimat üblichen ganz gewaltig unterschied. 4 Vgl. auch meine Aufsätze darüber in der ״Jüd. Rundschau" 1933/35 v. 5. IV. 34, 7. IX. 34, Chanuka 33 u. 34, Pessach 35, Chanukah 35.