Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 81 (1937)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die spanisch-jüdische Bilderbibel um 1400
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
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200 Zofja Ameisenowa aus Ägypten darstellt. Dem zierlichen, mit zwei weißen Pferden bespannten, zweirädrigen Wagen geht ein Zug von Mannern voran, mit dem durch seinen Wunderstab charakterisierten Moses und dem Hohenpriester Aaron an der Spitze. Der letztere trägt als Kopfbedeckung eine bischöfliche Mitra. Gleich im nächsten Bilde, der Verfolgung der ausziehenden Juden durch die Truppen des Pharao, bemerkt man an der Spitze der ägyptischen Reiter den Fahnenträger mit der Standarte, an der ein Skorpion ausgemalt ist. Das ist eine unzweideutige Reminiszenz aus der christlichen Symbolik. In den theatralisch bewegten Kreuzigungsbildern des ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts sieht man oft unter dem Kreuze zwei Soldatengruppen. Die eine bezeichnet als Römer die Standarte mit der Aufschrift S. P. Q. R.; die andere, auf der auf gelbem Felde ein schwarzer Skorpion erscheint, soll sich auf das jüdische Volk beziehen. So interpretiert es jedenfalls Bulard* 3. Lassen wir dahingestellt, ob die These Bulards richtig ist; denn wir haben festgestellt, daß sich Schilder und Standarten mit dem Skorpion auf Bildern des 15. Jahrhunderts befinden, und gerade auf ostspanischen Bildern4, wo sie sicher nicht auf das jüdische Volk bezogen werden können. Eines bleibt aber sicher: das Banner mit dem Skorpion konnte der Maler nur einem zeitgenössischen christlichen Bilde absehen; denn in natura konnte er es doch nicht gesehen haben. Die vom jüdischen Standpunkte aus bedenklichste Entlehnung ist die Vision des Ezechiel. Vor dem erstaunten, mit gehobenen Händen stehenden Propheten öffnet sich der Hirnmel. Vier apokalyptische Geschöpfe zeigen sich ihm: Löwe, Mensch, Adler und Stier, alle beflügelt. Hinter ihren Köpfen sind Heiligennimben sichtbar, also rein christliche Attribute. Nur in einer hebräischen Handschrift spanischer Provenienz sind soldhte Freiheiten, wie die Darstellung einer himmlischen, s Bulard‘: Le Scorpion, Symbole du peuple juif dans l’art ä la fin du Moyen״Age. Bulletin de TAcad. des Inscr. et Beiles Lettres. 1934, S. 31—32. 4 Wie. z. B. das Michael-Retabel, mit der Schlacht von Albocacer. London, Victoria« und Albert״Museum, aus dem Jahre 1420, wo der Skor״ pion auf dem Schilde eines christlichen Ritters ausgemalt ist.