Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Musik des Ghetto
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 467 (sequence 9)
- Language
- German
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Musik des Ghetto 467 Vergleich mit anderen, gewöhnlichen Stücken des Bandes zeigt eine starke Gegensätzlichkeit. Sprunghafte Melodik (in anderen Stücken höchstens einmal innerhalb eines Akkordes vor^ kommend), tatsächlich jüdisch-orientalisch anmutende Melodielinien in den Sarabanden mit Gesangsstimmen, übermäßige Schritte und eigenartige Gliederungen stechen ab. Ähnlich verhält es sich mit den Melodien des Conservatoire-Bandes, der aus dem 18. Jahrhundert stammt und das Meisterwerk einer Handschrift ist. Wie in der Untersuchung ältesten jüdischen Melodiengutes, das man aus Vergleich von gregorianischen Gesängen aus ältesten Schichten mit Melodien orientalischer Gemeinden rekonstruieren, erahnen kann, so sind wir — vorerst sicher — in der Betrachtung der Musik des Ghetto auf Urteile und musikalische Äußerungen außerjüdischer Faktoren angewiesen. Wir sehen aber jedenfalls die interessante Tatsache, daß die jüdische Musik und die Musikanten der Juden als etwas Eigenartiges, Fremdartiges empfunden wurden. Und so können wir sagen, daß die Musik des Ghetto auch außerhalb des Gottesdienstes typisch war und mit der Tradition zusammenhing. Spätere Zeiten haben ihren Stoff zu musikalischen Karikaturen mehr aus jüdischem Wesen genommen oder gewissen Melodie elementen, die sie in der Synagoge hörten, ihre Nachahmungen entnommen. Solche Karikaturen sind z. B. ״Der Juden Leich" aus dem ״Augsburger Tafelkonfekt" (1733), das Stück ״Samuel Goldenberg und Schmuyle" in Moussorgskys Klavierwerk ״Bilder einer Ausstellung" oder der Streit der Juden in Richard Strauß" Oper ״Salome". ★ , Die Eigenart des jüdischen Musikers, die wir für die vorassimilatorische Ghettozeit bezeugten, ging mit der Assimilationsepoche verloren. Wie die Juden ursprünglich in niedere Kulturen gekommen waren, denen sie die hohe Kultur des Orients vermittelten und von denen sie dann wieder überflügelt wurden21, so kam zur selben Zeit, in der die Gleichberechtigung aller Menschen (und auch der Juden inbegriffen) kam, das Bedürfnis, an der hochentwickelten musikalischen Kul- 21 Vgi. Ruppin ״Soziologie der Juden“, Berlin 1930, Bd. II, 103 ff.