Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Musik des Ghetto
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 466 (sequence 8)
- Language
- German
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466 Peter Gradenwitz sich von Gewährsleuten erzählen lassen, wie man sie tanzte. Ein solcher Tanz (mit einer Melodie, die sich von ähnlichen Bauemtänzen nur durch die an den Einschnitten auszustoßenden ״Aehweih“-Rufe unterscheidet) wurde am Ende des vorigen Jahrhunderts — aber sicherlich nach ältester Tradition —־ so getanzt, daß ein Knabe und ein Mädchen ״in jüdischer Tracht“ (Knabe in Zylinderhut und Pajes) aufeinander zutanzten und unter gegenseitigem In-die-Händeklatschen ״jüdisches Gehaben und vielleicht auch Gebetsbewegungen“ nachahmten. Alle in dieser Art bekannten Tänze sind Gebärdentänze. Zu der anderen Gruppe, der Nachahmung jüdischer Musik, habe ich selbst einige Stücke gesammelt. Es gibt da Tänze, die in ihrer Melodik durch Ton Wiederholungen, Verzierungen der Melodie, ungradzahlige Taktperioden karikieren wollen und andere, die die Tonskalen der jüdischen Gesänge gebrauchen, manche, die die Andersartigkeit durch möglichst primitive (d. h. hauptsächlich un-harmonisch empfundene!) Melodie kennzeichnen wollen19. Besonders interessant war mir der Fund zweier Handschriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert in der Bibliothek des Pariser Conservatoire und der dortigen Nationalbibliothek. Es handelt sich um zwei Bände mit Arien und Tänzen für Guitarre und Laute, in denen mehrere ״Danses juives“ eingestreut sind. Der Band derNationalbibliothek schreibt dem Guitarrenspieler vor, er solle sein Instrument für diese Stücke umstimmen in den *,Ton du Juif“, eine merkwürdige Stimmung aus einer großen Terz und vier Quarten, durch die ein eigenartiger Klang und Melodiencharakter entsteht20. Der 10 Bekanntere Beispiele hierzu sind Hans Newsidler: ״Der Juden Tantz“, aus ״Ein new künstlich Lautenbuch" (1544), veröffentlicht in ״Denkmaeler Deutscher Tonkunst in Österreich'‘ XVIII, 2 (Dr. A. Koczirz) und ein ״Juden« tantz" in einer Kopenhagener Handschrift, beschrieben von H. Panum in ״Monatshefte für Musikgeschichte" XX, S. 29. — Ein weiterer Tanz, von Nettl S. 29 ,mitgeteilt, steht in Heckeis Lautenbuch von 1562. Nettl glaubt, daß die primitiven Wiederholungen (und der Dudelsackbaß wohl) das niedrige Niveau der Judenspielleute andeuten soll. Unsere Ansicht, daß bestimmte unharmonische und andersartig-melodische Empfindungen nach« geahmt werden, wurde oben abgeleitet. 20 Auch bei Newsidlers ״der Juden Tantz" — s. ö. ־— wird die Laute umgestimmt.