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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1936-01-01 · Heft 6 · p. Seite 462

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
80 (1936)
Issue
Heft 6
Article
Musik des Ghetto
Date
1936-01-01
Page
Seite 462 (sequence 4)
Language
German
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462 Peter Gradienwitz Es ist noch nicht gelungen, Proben von ״Ghetto-Musik“ zu finden. Das ist leicht erklärlich. Es handelte sich durchweg um eine Volksgemeinschafts-Musik, die sich nur mündlich vererbte. Und von einem ״Volkslied“ im ü b 1 i c h e n Sinne können wir nicht sprechen. Wie Idelsohn einmal richtig feststellte2, haben die Juden — seit der Aufgabe ihrer Selbständigkeit im eigenen Lande — keine Volkslieder im Sinne anderer Völker gehabt. Volkslieder sind hei anderen Völkern Kriegs-, Trink- und Liebeslieder, Ausdrücke der Vitalität, die nur einer lebendigen geschlossenen Nation eigen sind. Heute kommt es uns ganz natürlich vor, daß die Juden seit ihrer Zerstreuung keine solchen Lieder mehr hatten (selbst die heutigen ostjüdischen Weisen sind m. E. nicht als ״Volkslieder“ zu definieren); aber nach der Zerstörung des jüdisch-religiös-nationalen Zentrums war es nötig gewesen, als Zeichen der Trauer alle noch haften gebliebenen Volksgesänge zu unterdrücken. Dem schönsten lyrisch-weltlichen Lied aber, dem Hohen Lied, gab man einen allegorisch-religiösen Sinn als Ausdruck der Liebe zwischen dem Herrn und Israel. Im Mittelalter nahm man es mit jener Bestimmung, die lange ein eigenjüdisches Musikausüben verhindert hatte, nicht überall gleich ernst3; und nachdem schon früh bestimmten Klassen das Musizieren (vor allem natürlich Singen) erlaubt wurde, wenn man annahm, daß es ihrer Arbeit nützlich war — wie z. B. Pflügern und Seglern4 —, dehnte man die Erlaubnis bald auf bestimmte Feste aus, namentlich für Purim und Hochzeiten. Meistens allerdings ließ man dann nicht jüdische Musiker spielen, sondern Christen (oder in Spanien auch Mohammedaner). In Palästina, Ägypten und Damaskus allerdings war die Beschäftigung auch fremder Musiker verboten5. In Europa sah man es nicht gerne, die Andersgläubigen am Schabbath zum Aufspielen zu bitten; aber wenn — wie es oft geschah —- christliche Musiker uneingeladen ins Ghetto kamen, hatten die Rabbis nichts dagegen einzuwenden6. Als später dann auch die Juden wieder 2 A. Z. Idelsohn ״Jewish Music in its historical development“, New- York 1929, S. 358. 3 Vgl. Löw ״Lebensalter“, S. 311. 4 Sota, 48a. 5 Radbaz, Responsa IVr 132, . 6 Vgl. Neubauer ״Mediaeval Jewish Chronicles“, I.f S. 157.

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