Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Religion und Existenzphilosophie
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 5)
- Language
- German
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Religion und Existenzphilosophie 445 ist das Dasein ein fahles Reich des Toten. Sie aber ergreift die tiefere Wahrheit gegenüber allem bloßen Wissen von der empirischen Wirklichkeit. Das Gewissen unterscheidet zwischen gut und böse. Aber es ist nur Maßstab, nur Instanz, nicht hervorbringende Kraft. Sein Maßstab ist daher nur gehaltvoll aus dem absoluten Bewußtsein, aus Liebe und Glaube. Das Gewissen bleibt ratlos ohne Liebe. Liebe ist die unbegreiflichste und zugleich selbst״ verständlichste Wirklichkeit des absoluten Bewußt״ s ein s. Der Gott der Liebe ist blaß, wenn ich ihn denke, er ist als Gedanke gar nicht zwingend. Aber er ist der Grund, in dem ich nach allen Zweifeln den Widerhall finde für meinen guten Willen, für mein Sein in der Geschichtlichkeit meiner Exi״ stenz. Unstatthaft aber ist es, aus Gott einen Gegenstand zu machen, er hat nur den Sinn des Symbols. Selbst das Gebet ist eine in die Verborgenheit Gottes einbrechende Zudringlich״ keit, die der Mensch in höchster Einsamkeit und Not wagen mag, die als tägliche Gewohnheit und geformte Sitte aber eine fragwürdige Fixierung ist, der sich Philosophie versagt. In der alltäglichen Sicherheit der Gottesnähe würde die Gottesbezie״ hung ihrer Tiefe beraubt. Denn die Verborgenheit Gottes scheint zu fordern, daß der Mensch sich quälen soll in, Zweifeln und Nöten. Der Aufschwung zum Einen würde zu einer Ge״ borgenheit, in der ich die Daseinswelt in ihrer Fragwürdigkeit und Vieldeutigkeit liegen lasse. In dieser Untreue gegen die Welt entzöge ich mich der Wirklichkeit im Versinken in ein Jenseits. Nur in den Grenzsituationen meines Lebens, der Un״ bedingtheit meines Handelns erfahre ich im absoluten Bewußt״ sein die Nähe der unerkennbaren Gottheit, die mir nie Objekt, pie ein objektives Dasein ist. Die Gegensätzlichkeit des Glaubens zu allem Wissen, die Verwurzelung menschlicher Existenz im Geheimnis der Trans״ zendenz, die Anerkennung des Glaubens als der inneren Ge״ wißheit von der Verbundenheit menschlicher Existenz mit dem transzendenten Grund des Seins kann nicht rückhaltsloser auf״ gedeckt werden als in diesen Analysen menschlicher Existenz. Das Wagnis und die zwingende Gewißheit des Glaubens, die Bejahung der geschichtlichen Existenz und ihr Transzendieren