Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Religion und Existenzphilosophie
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 3)
- Language
- German
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Religion und Existenzphilosophie 443 von der Idee durchdrungen ist. Das Sein als Idee ist absolut. Was der Idee widerstrebt, ist das Andere, die Ohnmacht der Natur, die für den Idealisten bedeutungslos ist (Hegel). Positivismus und Idealismus sind einander entgegengesetzt. Im Namen der Wahrheit wendet sich der Positivismus gegen die Phantasieen des Idealismus, im Namen der Ideale wendet sich der Idealismus gegen die Nivellierungen des Positivismus. Beide aber kennen die Welt nur als das Allgemeine, der Positivismus als die Gesetzlichkeit der Natur, der Idealismus als den in sich gegliederten Kosmos der Ideen des Geistes. . Positivismus und Idealismus betrachten das Individuum nur wie einen Gegenstand in seiner Objektivität als Fälle, eines Gesetzes oder als Werkzeug, als Kreuzungspunkt, allgemeiner Gesetze. Beide sind Gegner des von ihnen so genannten Individualismus. Das Einzelne gewinnt für sie seinen Wert nur durch Selbstaufhebung in die umgreifende Harmonie der Welt oder durch Gehorsam gegen die Gesetze des Sollens. Ein Rest des Für-Sich-Seins wird, dem Individuum wohl gestattet, aber als private Sphäre zugleich degradiert. Positivismus und Idealismus haben als eigentliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenstände ein zeitloses Sein, der eine die Naturgesetzlichkeit, der andere die Idee. Für beide hat Gesch i c h 11 i c h k eit als solche keine eigene Substanz. Sie wird entweder zur ewigen Idee in zeitlicher Gestalt oder zur Materie, an der Gesetzlichkeit als ihr Wesen sichtbar ist. Beide wenden sich gegen die Tiefe der Geschichtlichkeit, gegen die Existenz. Die Unwahrheit von Positivismus und Idealismus wurzelt darin, daß sie sich isolierend auf sich selbst stellen. Es ist zuviel, was sie zu wissen meinen. Da Positivismus und Idealismus wissen, was ist und was sein wird, ist alle Enscheidung für sie eine objektive. Beide kennen nicht das Sein der geschichtlichen Existenz. Diese ist weder empirisch-positiv, noch von Ideen beherrscht, sondern rational undurchsichtig, freie geschichtliche Entscheidung: Werde, was du bist! Im Unterschiede zu allem Wissen ist Existenzerhellung im Kern Glaube. Unfähig, Gegenstand eines ihm angemessenen Wissens zu werden, ist Glaube die Gewißheit, die an der Grenze 29*