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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1936-01-01 · Heft 3 · p. Seite 193

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
80 (1936)
Issue
Heft 3
Article
Vom Sinn des Seins
Date
1936-01-01
Page
Seite 193 (sequence 10)
Language
German
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Vom Sinn des Seins 193 Für Heidegger ergibt sich durch eine phänomenologische Analyse des Menschen der fundamentale Gegensatz des Mansein und des Selbst-sein als tiefste Verschiedenheit menschliehen Seins. Dem Man-sein, dem Verloren-sein an die Welt entreißt der Mut zur Angst vor dem Nichts, entreißt der Gewissensruf das Selbst zu sich selbst, zur Erkenntnis seiner Schuld der Verfallenheit an die Welt und zu ihrer Überwindung in der handelnden Übernahme seines Geschicks. In der Situation des Augenblicks erfassen wir unsere Aufgabe. Der Sinn unseres Lebens ist die freie Übernahme unseres geschichtlichen Schicksals. So sehr die Begriffe Sorge, Angst, Schuld, Gewissen, Augenblick, Erinnerung, Wiederholung, in denen Heidegger das Wesen der Existenz erfaßt, Zentralbegriffe Kierkegaards sind und sich in ihnen eine tiefe Einwirkung Kierkegaards auf Heidegger zu erkennen gibt, darf nicht übersehen werden, daß diese Begriffe von Heidegger aus der Atmosphäre der paulinischen Theologie völlig herausgehoben sind, die sie bei Kierkegaard umgibt. Nicht eine theologische Erlösungslehre zeigt dem Menschen seine Schuld und den Weg zu ihrer Überwindüng, sondern die Entschlossenheit zur Angst vor dem Nichts bringt den Menschen in die Wahrheit seines Selbstseinkönnens. Und so ist auch die Erlösung keine überweltliche, jenseitige, religiöse, sondern die freie Bejahung des geschichtlichen Schicksals. Und doch ist das Memento mori auch bei Heidegger der Zentralbegriff menschlicher Existenz, so daß das Sein zum Tode Grund der Sorge und der Angst, der Mut zum Tode der Weckruf des Gewissens und der Erkenntnis der Schuld ist. Wie in der christlichen Theologie sind auch für Heidegger Tod, Schuld und Gewissen innig miteinander verschlungen, obwohl Heidegger berechtigt ist, auf den undogmatischen Gehalt dieser Begriffe in seinem System hinzuweisen. Dennoch ist es eine säkularisierte Theologie protestantischen Stils. Demgegenüber ist für die sittliche Interpretation des Seins durch das Judentum nicht das Memento mori, sondern die Erkenntnis des Guten, die Erkenntnis Gottes der Ruf zum wahren Sein, zum wahren Leben. Von entscheidender Bedeutung aber ist, daß bei Heidegger Monatsschrift, 80״ Jahrgang IS

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