Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Vom Sinn des Seins
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Sinn des Seins 189 So ist das Selbst des alltäglichen Daseins das ״Man-Selbst“, das von dem eigentlichen Selbst zu unterscheiden ist; So sind wir in das Dasein geworfen, dem Dasein verfallen. Das Dasein ist von sich selbst als eigentlichem Selbstseinkönnen zunächst immer schon abgefallen und an die Welt verfallen, sofern das Miteinandersein durch Gerede, Neugier und Zweideutigkeit bestimmt wird. Die durchschnittliche Alltäglichkeit des Daseins kann demnach bezeichnet werden als Flucht des Daseins vor sich selbst, als Abkehr vom Dasein, als Angst vor dem Selbstsein, vor der Unheimlichkeit und als Flucht in das Zuhause der Öffentlichkeit. Sorge ist dieses Verfallensein an die Welt. So ist die Sorge der Charakter des Daseins. Wie aber die Sorge stets auf die Zukunft gerichtet, das ״Sichvorweg“ ist, so bedeutet der Tod mit der Aufhebung der Zukunft die Aufhebung des Daseins, die Aufhebung des In-der- Welt-Seins. Am Sterben der Anderen wird das merkwürdige Seinsphänomen erfahren, das den Umschlag des Daseins zum Nichtmehrdasein bedeutet. Damit ist alles Dasein Dasein zum Tode. Der Tod ist ein Phänomen des Lebens, das diesem eine eigentümliche Bestimmtheit verleiht. Diese Geworfenheit in den Tod enthüllt sich in der Angst vor dem Tode als Grundbefindlichkeit des Daseins. Die Öffentlichkeit des alltäglichen Miteinander kennt den Tod als ein ständig vorkommendes Begegnis, als Todesfall. Dieser wird als Ereignis aufgefaßt, das irgendwann eintreffen muß, zunächst aber für einen selbst noch nicht vorhanden und daher unbedrohlich ist. ״Man stirbt“, aber ja nicht grade ich. Das Sterben, das wesenhaft unvertretbar das meine ist, wird in ein öffentlich vorkommendes Ereignis verkehrt, das dem Man begegnet, und damit verdeckt. Das verdeckende Ausweichen vor dem Tode beherrscht die Alltäglichkeit, ist eine ständige Beruhigung, Beruhigung über den Tod. Das Man läßt den Mut zur Angst vor dem Tode nicht aufkommen. Die Ausbildung einer solchen überlegenen Gleichgültigkeit entfremdet das Dasein seinem eigensten Seinkönnen. Eigentliches Sein kann vor dem Sein zum Tode nicht ausweichen und in dieser Flucht es verdecken. Die freie Erkenntnis dieses Seins, das Freiwerden für den eigenen Tod befreit von der Verloren-