Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Versuch über die Freundschaft im Judentum
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 4)
- Language
- German
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Versuch über , die Freundschaft im Judentum 173 Dem ersten erkennbaren Einfluß begegnen wir vielleicht im Spruchbuch des Jesus, des Sohnes Sirachs. An der palästinen״ sischen Herkunft des Buches ist nicht zu zweifeln, ebensowenig aber an den hellenistischen. Einschlägen. Zu ihnen gehören die Ausführungen über die Freundschaft (Kap. 6, 5; 37, 1; 22, 21), die wir in solcher Ausführlichkeit, nirgends im .Kanon antreffen. Nicht so sehr in der Ausmalung der Bilder als in der Akzen״ tuierung der Freundschaft erscheint ein anderes Genre, als es uns zumeist in der Bibel entgegentritt. In ihr ist sie, wenn wir von dem großen Monument der Freundschaft zwischen David und Jonathan zunächst absehen, nie Hauptthema, sondern in Psalmen, und Sprüchen als ein gelegentliches Motiv verstreut (Ps 38, 12; 41, 10; 55, 15; Spr 17,17; 27, 6, 10; Koh>4, 9); Trotz der knappen Formulierungen wird die Freundschaft sozusagen nicht plastisch. Man wird allerdings mit seinem Urteil zurück״ halten müssen, denn; Spruchliteratur ist immer unvollständig. Es fehlt die Situationsbeziehung, die der Freundschaft Kolorit verleihen könnte, das Verständnis der Hintergründe; der poli״ tischen Begebenheiten und Sonderhündeleien, kurz die Kennt״ nis einer Zeit, in der der ״Freund näher ist als der.Bruder'. So bleibt nur das Allgemeine übrig, und , mit, ihm reihen sich die biblischen Spruchsammlungen ein :in das wandernde Spruchgut Vorderasiens und Ägyptens (den, Israeliten vielleicht durch die Edomiter vermittelt). Das Interesse, dieser Lebensweisheit ist auch bei der Behandlung der Freundschaft nicht dem außer״ gewöhnlichen sondern dem durchschnittlichen und allgemein״ gültigen Verhalten zugewandt, und es wird, schwer halten, auch wenn man scharf hinblickt, Eigenheiten und bedeutsame Vari״ anten in der spätbiblischen Darstellung der Freundschaft zu ent״ decken. Nur in einer Beziehung besteht dieses Urteil nicht zu Recht, und diese Ausnahme wirft ein helles Licht auf den alt״ testamentlichen Menschen, wie sie zugleich die literarische Gattung der Psalmen und des Spruchbuchs, unterscheidet: Der Verlassene und Freudlose der Psalmen sieht sich von Ver״ wandten und Freunden verlassen; sie bleiben in der Feme stehen mit dem furchtsamen Respekt, den sie vor dem Unglück״ liehen haben, weil er vielleicht ein von Gott Geschlagener ist. Nacheinander zerbrechen ihn die Stützen seiner Gesellschaft.