Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 80 (1936)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Versuch über die Freundschaft im Judentum
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 3)
- Language
- German
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172 Max Grünewald Freundschaft ist also ein großes Kapitel antiker Geistesbildung überhaupt und überall da, wo man an diese wieder anknüpfte, wurde auch ihir Geist, wenn auch zuweilen nur ihr Geist, heraufbeschworen; so im italienischen Humanismus, in der deutschen Reformation, im englischen Deismus (hier wie auch in der Renaissance in einem betonten Gegensatz zum Christentum, dem der Mangel einer positiven Wertung der Freundschaft vorgeworfen wird) und in der deutschen Klassik. Wie für viele Völker in den Anfängsstufen ihrer Entwicklung ist sie auch für das Germanentum als Element der gesellschaftlichen Verfassung hinreichend bezeugt3/ Nur ist sie hier nicht ein Gegenstand der Reflexion und wird nicht gewonnen und bestätigt im Austausch und Widerstreit der Gedanken. Sie ist auf Biegen und Brechen gestellt, und was bei Cicero die Blässe einer Abstraktion hat, ist hier der Ausdruck einer lebendigen Bewegung und tragischen Verkettung: Der Freund ist der alter ego. Die Freundschaft -ist differenziert und tritt verschieden auf, je nach dem Nährboden, aus dem sie wächst, und je nach der besonderen Temperatur der gesellschaftlichen und staatlichen Zristände4. Die verschiedenartigen Verfassungen, Tyrannis, Aristokratie und Timokratie verändern auch sie (Aristoteles). Gemäß den zeitlichen Bedingungen wechseln ihre Etscheinungsformen. Das Judentum, das bereits in seiner palästinensischen Zeit soviel Berührung mit anderen Völkern hatte, und das nachher durch mannigfache Kulturen und Lebensstile hindurchgegangen ist, wird die hauptsächlichen Formen der Freundschaft auch bei sich selber vorweisen können und damit den stärkeren oder geringeren Einfluß seiner geschichtlichen Anreger verraten. 3 Wir können hier den Überblick über die Stellung der Fr. in den Völkern und. Kulturen nicht fortsetzen. Ein solcher Überblick vermöchte, gerade weil die Fr. eine nicht immer leicht zu fassende ״Zwischenposition“ in dem gesellschaftlichen Aufbau hat, das Urteil über Kulturen und ihre Zusammenhänge um manche Nuance zu bereichern. 4 Wir werden demgemäß die verschiedenen Spielarten der Fr. zu unterscheiden haben. Trutzbündnis und Berufsfreundschaft, politische Fr., philosophische Fr. und ästhetische Vereinigung (״Sternenfreundschaft“), tragen alle den. einen Namen der Fr. und sind doch voneinander weit entfernt.